Die Österreichermacher

20. August 2010, 18:40
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Jetzt kann es nicht mehr allzu lange dauern, bis die nationale Schmach getilgt ist, die mit der Enttarnung von Christoph Waltz als deutscher Staatsbürger auch medial ruchbar wurde

Jetzt kann es nicht mehr allzu lange dauern, bis die nationale Schmach getilgt ist, die mit der Enttarnung von Christoph Waltz als deutscher Staatsbürger auch medial ruchbar wurde. Es ist typisch, kaum haben die Österreicher einen Oscar-Preisträger und wollen dieses persönliche Verdienst jedes Einzelnen von ihnen genießen, kommen die Deutschen mit ihrem kleinlichen Ordnungsfimmel daher: Vater Deutscher, also deutscher Staatsbürger! Ja, ein wenig kam einem der Mann schon verdächtig vor. Diese Zurückhaltung, diese unpathetische Noblesse, die er auch bei den dümmsten Reporterfragen im Fernsehen gelassen beibehielt - kann das ein echter Österreicher sein? Andererseits: Was ist schon ein deutscher Vater gegen Geburt in Grinzing, Theresianum und Reinhardt-Seminar?

So etwas lässt der österreichischen Seele keine Ruhe. Aufgestachelt von einer hämischen Auslandspresse - "Bild", "Stern", "Blick" - und natürlich u. a. von "Österreich" erkannte der Star nach Jahrzehnten einer tristen Existenz ohne österreichischen Pass, verschärft durch den Ruf, Österreicher zu sein, gegenüber "News": "Auch wenn ich in Berlin und London lebe, ist Wien meine Heimat." Und die Politik erkannte unter diesem enormen Druck, hier sei etwas zu holen, ohne dass Maria Fekter sofort auf Rehleinaugen plädiert. Genau weiß man das bei ihr nie, klingt doch Waltzens Hinweis auf den Grad seiner Integration verdächtig wertfrei: "Alleine der Tonfall des Wienerischen, der Umgang der Menschen - all das ist mir aus tiefster Seele sehr geläufig."

Er hat nicht sympathisch gesagt, nicht einmal vertraut, nur geläufig, und das kann alles Mögliche bedeuten. Daher - mag auch sein, im Herzen war er immer rot-weiß-rot - bedurfte es laut "News" einer Initialzündung: Waltz mit Marika Lichter am Filmball. Sie ermutigte ihn zum Austro-Pass. Kein Wunder, dass er sich nicht mehr getraute, aus tiefster Seele Nein zu schreien.

Zumal Frau Lichter nach dem beschämenden Eingeständnis von Waltz, Deutscher zu sein, sofort ihr Herz sprechen ließ und die Initiative ergriff. "Ich ging daraufhin zu Kanzler Faymann und bat ihn, in dieser Causa zu helfen", eine patriotische Leistung, die sie mit Recht für sich beanspruchen darf: "So gesehen ist es eigentlich mein Verdienst, dass er demnächst eingebürgert wird." Wenn ihr das nur niemand streitig macht!

Obwohl es keinen Onkel mehr gibt, den er hätte um Erlaubnis fragen können, wurde Kanzler Faymann geradezu hektisch aktiv. Frau Lichter kommt oft genug im Adabei vor, als dass er damit das Risiko eines Kniefalls eingegangen wäre. Er tat, was er immer tut, er steckte Josef Ostermayer, das ist sein Amansuensis, die Lichter auf, und es geschah nicht viel, aber das flott. An Tagen wie diesen muss es aufregend sein, Staatssekretär zu sein, berichtete "News" vom Ballhausplatz. Und mit Politik hat die ganze Aufregung nur in zweiter Instanz zu tun - klar, erste Instanz war ja Frau Lichter. Den vergangenen Montag verbrachte Josef Ostermayer, 49, seines Zeichens Staatssekretär für Medien und Koordination, mit einem besonderen Gast im Bundeskanzleramt. Der oscarveredelte Schauspieler Christoph Waltz, 53, kam persönlich nach Wien, um seine rasche Einbürgerung in der Magistratsabteilung 35 voranzutreiben.

Dem Noch-Deutschen mag der Tonfall des Wienerischen aus tiefster Seele sehr geläufig sein, die Geografie weniger, sonst hätte er sich kaum zum Staatssekretär für Medien und Koordination verirrt, wenn er in der Magistratsabteilung 35 seine rasche Einbürgerung vorantreiben wollte. Es sei denn, der Oscarveredelte sollte diesem einen Vorwand liefern, es der Schottermizzi in "News" endlich einmal ordentlich heimzuzahlen: "Gegen eine rasche Einbürgerung spricht gar nichts, auch wenn er nicht die Auflage erfüllt, mindestens zehn Jahre in Österreich gelebt zu haben." Allerdings: Eine rasche Einbürgerung auch noch vorantreiben zu wollen, verrät, wie viel bedenklich Deutsches doch in Christoph Waltz steckt.

Das Einbürgerungsgesetz, das besondere Verdienste um die Republik vorsieht, sollte in seinem Fall keine Hürde sein, ahnt Ostermayer. "Jetzt prüft noch das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, ob Waltz diese besonderen Verdienste erbracht hat - aber ich denke, man kann davon ausgehen, dass die Prüfung in seinem Falle positiv ausfällt", ist Ostermayer überzeugt.

So wie Österreich eines Deutschen Verdienste als für sich erbracht reklamiert, beweist: Wir sind halt doch ein Kulturvolk. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 21./22.8.2010)

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    Christoph Waltz

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