Mit Militärintervention eine Kultur verändern?

20. August 2010, 17:41

Um in Afghanistan die Gesellschaftsstruktur nachhaltig zu verändern, müsste man einen totalen Krieg führen

Das Ergebnis nach über sieben Jahren Anwesenheit amerikanischer Kampftruppen im Irak und nach einem kurzen, aber verheerenden Krieg: Ein brutaler, massenmörderischer Diktator, der zwei seiner Nachbarn (Iran und Kuwait) überfallen hat, wurde gestürzt und hingerichtet. Die eiserne Faust, mit der er Sunniten, Schiiten und Kurden niederhielt, ist weg, die Fraktionskämpfe können nun nahezu ungehindert weitergehen, wie die fast täglichen, verheerenden Bombenanschläge beweisen. Dennoch existiert im Irak vorläufig ein Minimum an staatlichem Zusammenhalt - und wenn schon keine echte Demokratie, so irgendeine Form von Interessenausgleich. "Freedom", wie die Regierung Bush das genannt haben wollte, existiert allerdings nicht. Der Irak ist das, was alle anderen Staaten der Region (mit Ausnahme von Israel) sind: ein Gesellschaftsmodell, das auf Dominanz der Religion, auf Intoleranz gegenüber anderen Schichten und Gruppen, auf Gewaltlösungen und "Führermodellen" basiert.

Das Irak-Abenteuer der Bush-Ideologen hat somit bewiesen, was man schon vorher vermuten musste (und was Kritiker auch vorher sagten): Das westliche Modell von Demokratie, Rechtsstaat, allgemeinen Bürgerrechten, darunter vor allem die Frauenrechte, von Konsenskultur und Verzicht auf das Recht des Stärkeren - das kann man nicht mit einem Krieg auf eine andere politische Kultur übertragen. Vor allem nicht mit einem Krieg, dem sonst nichts folgt.

Ob Bush und seine konservativen Ideologen im Irak die Frauenrechte und die gesellschaftliche Toleranz so richtig fördern wollten, ist umstritten. Die vulgärmarxistische Sichtweise sagt, dass sie nur das Öl wollten. Sicher wollten die neokonservativen Ideologen nicht halbverrückte Despoten wie Saddam Hussein durch fanatische Islamisten ersetzen. Das ist aber der Effekt, der zu einem großen Teil im Irak eingetreten ist.

Bush und die Seinen wollten die Region im amerikanischen Sinn umgestalten. Das ist wohl gründlich misslungen, eher hat sich der Einfluss des iranischen Regimes dort erhöht.

Was zwei Fragen aufwirft: die grundsätzliche, ob man mit militärischem Eingreifen tiefverwurzelte gesellschaftliche Strukturen verändern kann. Deutschland und Japan, die nach ihrer totalen Niederlage zu hervorragend und halbwegs funktionierenden Demokratien wurden, passen schlecht als Beispiele für heute. Um etwa in Afghanistan die Gesellschaftsstruktur nachhaltig zu verändern, müsste man (der "Westen") einen totalen Krieg führen, jeden Widerstand zermalmen und das Land mit hunderttausenden Soldaten auf Jahrzehnte besetzen, gleichzeitig aber massivste Wirtschaftshilfe leisten und "Umerziehung" betreiben (so wie in Nazi-Deutschland und Japan).

Unmöglich. Diese immense Anstrengung ist in Afghanistan und Ländern wie Afghanistan einfach nicht drin. Das beste Ergebnis, das man dort erzielen kann, ist, die Aufständischen halbwegs in Schach halten und verhindern, dass sie das ganze Land in Besitz nehmen, wie schon einmal die Taliban. Der Rest ist gezielte Terrorismusbekämpfung mit Geheimdiensten und Spezialeinheiten. Die Präsidentschaft von Barack Obama wird unter anderem davon abhängen, ob dieses Minimalziel in Afghanistan zu erreichen ist. Wahrscheinlich ist aber Afghanistan schon gar nicht mehr das größte Problem der USA (und der Welt), sondern Pakistan, das der nächste gescheiterte Staat mit radikalislamischer Bedrohung zu werden droht. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 21.8.2010)

Kommentar posten
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saratoga
02
22.8.2010, 15:52
Experten

alle echten Experten, welche im Ausland tätig waren, haben damals gewarnt und nicht nur Peter Scholl-Latour. Ein Staat, wo die Intelligenz vertrieben und gemordet wird, sollte als Mafia Republik Nr. 3 nach dem Kosovo und Afghanistan errichtet werden, denn die Folgen waren ja gut bekannt. Die Erfahrungen auch aus Vietnam und dem Balkan wurden ignoriert.

sicklikejosef
 
10
22.8.2010, 15:02
Der Einsatz im Irak hat das Land jetzt schon so nachhaltig verändert

dass es totaler Realitätsverlust ist, zu sagen es würde einen totalen Krieg benötigen. Dass der Irak im inneren chaotisch und gewalttätig ist, stimmt, aber dazwischen und mitten drinnen gibt es neue Kulturen demokratischer Repräsentation. Die Saat der neuen politischen Generation ist noch schwach, sie braucht Unterstützung, aber sie ist da und sie wird wachsen, wenn diejenigen, die an die westliche Kultur glauben, sie nicht im Stich lassen. Einen totalen Krieg gegen die mörderischen Verbrecher, ob sie Al-Quaida, Taliban, Hizbollah oder Hamas heißen, den gibt es ohnehin schon, und er wird mit einem nuklear aufgerüsteten Iran weiter gehen.
Die westliche Zivilisation wird in diesem Krieg als Sieger hervor gehen, so oder so.

robinsons freitag
00
22.8.2010, 13:50
Sehr geehrter Rauscher!

Danke für Ihre Antwort auf meinen Kommentar weiter unten.

Hasbara: Viele Links vorhanden, davon leider etliche tatsächlich purer Antisemitismus.
Ich empfehle:
http://www.docstoc.com/docs/8303... Dictionary

In meinem Kommentar hebe ich hervor, dass „Führerstruktur“ durch „Primat des Militärs“ ersetzt werden müsste.

MfG / robinsons freitag

1116er
47
22.8.2010, 08:11
brainwash-keiner wäscht gründlicher!

eigentlich unglaublich, dass noch immer soviel leute glauben, krieg (im konkreten die im nahen osten) hätten irgendetwas zu tun mit menschenrechten, gerechtigkeit, bekämpfen böser diktatoren, und ähnlichen 'edlen' zielen.

es ging NUR UND AUSSCHLIESSLICH (wie beinahe in jedem krieg) um macht und geld, um strategische und wirtschaftliche interessen.
über die in meinem ersten absatz erwähnten gründe lachen nicht mal die hühner (unter den kriegsplanern!), aber sie freuen sich, dass es soviele idioten gibt, denen man diese vorgeblichen motive reindrücken kann.

trestigres
 
11
26.8.2010, 14:23
Tatsächlich kaum zu glauben; dass es immernoch Leute gibt die zwischen linker Diktion und realpolitisch- und gesellschaftlicher Verhältnisse nicht unterscheiden können. Die Geschichte der Golfkriege hat eine Vielzahl von Komponenten -

einschließlich der internen Entscheidungsfindung sowie diplomatische, wirtschaftliche und konventionellen militärischen Aktivitäten. Darüber hinaus handelte es sich um den Sturz einer der letzten unmenschlichsten Diktaturen seit dem II. WK. Einer die drei Kriege, zwei davon Angriffskriege, zu verantworten hat. Diese Tatsache und der damit verbundene geo- und Sichherheitspolitische Aspekt wird von einer verkürzten, linken ideologischen Schwarzweissmalerei völlig ausgeblendet, weil es nicht zum selbststärkenden Element der eigenen politischen Argumentationskette und damit der eigenen Weltsicht passt. Dass dies wenig mit "realpolitisch" noch "wirklichkeitsnah" zu tun haben könnte, wird sich einigen Köpfen tatsächlich nie erschliessen.

Interrupt
12
22.8.2010, 11:36
GENAU!

Keine Ahnung wie blöd man sein muss um zu glauben, dass ein Land seine Soldaten in den Tot schickt um das Gesellschaftsbild eines anderen Staats, zu deren Gunsten, (vermeintlich) positiv zu verändern. Lächerlich.

Es gibt keinen einzigen bewaffneten Konflikt auf ausschließlich humanitären Gründen beruht. Heutzutage kann man Töten natürlich nicht mehr mit Öl rechtfertigen und versucht immer etwas "Positives/Gutes" in jeden Angriff einzuimpfen. Funktioniert nicht ...

sognidgscheit
 
00
24.8.2010, 20:14

Weiss nicht aber ich finde Öl andere Rohstoffe und Sicherheit schon positiv genug, für mich würds keine humanitären Gründe brauchen...

Walter Tiefenthaler
01
22.8.2010, 03:20
unter anderem...

...hat auch der fruehere deutsche praesident koehler zugegeben, dass der einsatz des westens im mittleren osten unseren wirtschaftlichen interessen gilt... ist der auch ein 'vulgaermarxist'?

der mann, der zuviel wußte...
12
22.8.2010, 09:07
so hat er es nicht gesagt. Er hat gesagt, dass es auch legitim wäre, die Bundeswehr für derartige Einsätze zu verwenden, beispielsweise zum Offenhalten internationaler Handelsrouten.

TheWeeklyRevolutionOfficialBlog.com
00
22.8.2010, 01:19
die europäische kultur wird auch verändert...

da zb. in deutschland, aber auch in anderen ländern des konntinents, der gewisse stimmungen erzeugt, welche tiefgreifend menschlicher natur sind...^^

TheWeeklyRevolutionOfficialBlog.com
00
22.8.2010, 01:21

'der krieg...' hätte es natürlich heißen sollen... :D

sociovation
11
21.8.2010, 23:53
Rauscher meint,

dass Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, allgemeine Bürgerrechte, Frauenrechte, der Verzicht des Stärkeren und Konsenskultur in den USA auch durch einen Bürgerkrieg nicht durchsetzbar wären.
Ich fürchte, ich muss ihm da zustimmen...

Chris Quast
11
22.8.2010, 17:40

warum man auf leute wie dich das verbotsgesetz nicht erweitern kann wird mir auch nie einleuchten.

alles darf man leugnen, relativieren, verdrehen, nur die europäische geschichte in den 30, 40 jahren des 20 jhdt, bezogen auf 2 staaten ist ein tabu !!

paradiselost
24
21.8.2010, 22:12
rauschers glosse ist sicherlich kritikwürdig, erfordert sogar dringend kritik,

aber was da hier alles gepostet wurde, ist der pure holler. wieder einmal ist, wer nicht nur buchstaben lesen, sondern auch sinnzusammenhänge erfassen kann, klar im vorteil.

rauscher redet ja nicht dem „totalen krieg“ das wort; er ist nur unklug genug, mit holzhammer und grobem keil ein szenario zu skizzieren, das von den sich hier zuhauf tummelnden simplizierenden welterklärern bei anderen themen gern als „logisch“ oder „gerecht“ vertreten wird. hier sind ja jeden tag faustrecht-kommentare zu lesen. rauscher fügt seinem brachial-szenario auch die undurchführbarkeit dieser "dr. eisenbart-kur" hinzu.

trotzdem irrt er in einigen seiner prämissen und hätte diese glosse wohl besser „noch einmal überschlafen“.

ricko
64
21.8.2010, 21:47
diesmal koennen sie einen leid tun, rau. mit artikel ueber die usa begeben sie sich auf das terrain der austro-talibans des hiesigen forums

und jene sind sich keines arguments zu bloed, amerika die generalschuld an allem zu geben. dabei koennen sie, rau, nur verlieren.

der austro-taliban besticht durch eine sehr ausgepraegte wahrnehmungskraft fuer verschwoerungtheorien, gibt sich selbst und alle anderen als ohnmaechtig gegenueber dem imerialismus an und bezeichnet sich gern mangels politischer bildung als links, ist aber extrem rechts.

obama bashing ist nur eine moeglichkeit sich zu exponieren, die oel- und waffenlobby steht auch am pranger. argumentationresistenz und die beherschung des red herrings in seiner reinform sind weitere merkmale.

obskure posts sind die folge: usa gleich ns-deutschland, iran eine bluehende demokratie, taliban gerechte sittenwaechter.

sociovation
03
21.8.2010, 20:46
In der Tat hat Al-Kaida durch die "Militärintervention"

am 9. September 2001 eine Kulturveränderung in den USA und in der gesamten westlichen Welt hervorgerufen.
Das wird wahrlich niemand bestreiten können...

Andreas Hofer
00
22.8.2010, 00:30

sicherlich richtig was Sie hier schreiben. Vielleicht aber haben die auch alte, verdraengt geglaubte, ueberwunden geglaubte Aengste geschuert.

Cuca Racha
 
03
21.8.2010, 20:15
vulgärmarxistisch

manchmal kann man nicht vulgär genug sein.

Jene Grüne Straßenkatze
00
22.8.2010, 17:06
...

Vulgär ist nie erstrebenswert. Und während es wichtig ist, immer darauf hinzuweisen, dass wirtschaftliche Interessen immer eine Rolle spielen, macht man es sich zu leicht, wenn man so tut, als spielten sie immer die einzige. Rauscher hat ganz recht, das vulgärmarxistisch zu nennen, denn es ist nichts als eine plumpe Sichtweise, die nicht mehr mit der Wahrheit gemein hat als die plumpe Propaganda, die als Kriegsgrund vorgegeben wurde.

Cuca Racha
 
00
22.8.2010, 23:39
Vulgär

erstrebenswert nicht, da haben Sie ganz Recht, aber manchmal notwendig.

Es stimmt auch, dass ein plumper Ökonomismus nichts bringt.

Was mich zum obigen polemischen Einwurf veranlasst hat ist der Eindruck, dass manche unter dem Titel Vulgärmarxismus gleich die ganze nach ökonomischen Ursachen forschende Analyse abdrehen wollen, sehr verständlich, denn die läuft auf ene Kritik des Kap hinaus, und das wollma ja auch wieder nicht so gern hören, netwahr.

anders and
 
04
21.8.2010, 19:39
natürlich hat der Irak-Krieg die Kultur verändert -

nämlich die amerikanische .

wumms
84
21.8.2010, 19:24
herr rauscher...

bevor's so einen artikel verfassen, recherchieren's doch auch bitte...
das abenteuer geht in zentralasien - kirgistan, tadschikistan etc. - weiter...
die usa entwickeln mittlerweile ähnliche züge wie ns-deutschland und japan hatten... was gerade noch fehlt sind holocaust, vertreibungen u.ä. diese "drecksarbeit" kann man auch durch das aufeinanderhetzen von gruppen & parteien machen lassen. mit dem vermehrten einsatz der private securities - die keiner demokratischen kontrolle mehr unterstehen und als "schutzstaffel" für die soldaten gelten - zeigt sich das gesicht einer geldmacht. krieg war noch nie eine problemlösung, sondern nur ursache für weitere kalamitäten.

Chien de Pique
12
22.8.2010, 13:14

Das ist ja wirklich unsäglich, was hier von manchen zusammengeschrieben wird. Gehrer-Geschädigter oder schon Gesamtschule?

Andreas Hofer
10
22.8.2010, 00:32

Jessas, wumms, was fuer verbalen Durchfall Sie hier posten. Das ist ja direkt zum Fuerchten.

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