Teheran feiert sein Atomkraftwerk in Bushehr

20. August 2010, 19:19
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Erstes AKW der Region wird ab Samstag mit Nuklearbrennstäben beladen

Bushehr, eine verschlafene Stadt am Persischen Golf, stand immer für den iranischen Patriotismus. Eine Reiterstatue im Stadtzentrum symbolisiert den Widerstand der Tangestan-Reiter, eines persischen Stamms, gegen die Briten im Ersten Weltkrieg. 15 Kilometer östlich steht nun ein zweites nationalistisches Monument, das Atomkraftwerk Bushehr.

Nach weit über 30 Jahren Bauzeit soll das Kraftwerk am Samstag feierlich "eröffnet" werden - in der Praxis heißt das, russische Ingenieure und Techniker beginnen die Ladung des AKWs mit in Russland gekauften Brennstäben. Bis das Kraftwerk komplett hochgefahren ist, werden mehrere Wochen vergehen. Aber auf den Tag des Beginns hat das iranische Regime jahrelang gewartet und wird ihn entsprechend feiern.

In den letzten Tagen spürte man im Iran eine gewisse Nervosität, sowohl in den Streitkräften, die in erhöhter Bereitschaft waren, als auch bei der Regierung. Zu oft wurde in internationalen Medien die Möglichkeit diskutiert, dass Israel das Kraftwerk vor dem Hochfahren zerstören könnte, wie den irakischen Reaktor Osirak 1981.

Hinter den Kulissen munkelt man gleichzeitig, dass die Inbetriebnahme von Bushehr durchaus einen Wendepunkt im Atomstreit bringen könnte: Zumindest könnte es einen Uran-Deal des Iran mit dem Westen erleichtern. Der Etappensieg in Bushehr könnte Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad milder machen, spekulieren viele. Erst gestern deutete er in einem Interview mit der japanischen Tageszeitung Yomiuri Shimbun an, dass der Iran auf eine 20-prozentige Urananreicherung verzichten könnte, falls die nächsten Verhandlungen, die voraussichtlich im September in Wien mit der Wiener Gruppe (USA, Russland, Frankreich) beginnen, erfolgreich verlaufen.

Die 20-Prozent-Anreicherung ist aber nur einer der Punkte, die einem Deal im Wege stehen. Und Ahmadi-Nejad betonte zum wiederholten Mal, dass das iranische Recht zur Urananreicherung nicht zur Disposition stehe.

Khamenei mahnt zur Einheit

Aber Ahmadi-Nejad braucht weitere Erfolge. Trotz aller Beschwörungen der Regierung machen sich die Wirtschaftssanktionen bemerkbar. Die Arbeitslosenzahl steigt, die Jugendarbeitslosigkeit hat gar die 30-Prozent-Grenze erreicht. Der Regierungschef bekommt immer mehr die Unzufriedenheit seiner früheren Weggefährten zu spüren, und im Parlament nimmt der Frust über Ahmadi-Nejad neue Formen an. Der konservative Abgeordnete Ali Motahari hat eine Unterschriftenaktion im Parlament gegen ihn gestartet. Der religiöse Führer, Ali Khameini, fühlte sich diese Woche sogar bemüßigt, alle an der Regierung beteiligten Gruppen aufzufordern, sich auf nationale Interessen zu besinnen. (N. N. aus Teheran*/DER STANDARD, Printausgabe, 21.8.2010)

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    Journalisten vor dem Tor zum Atomkraftwerk von Bushehr.

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