Stillsitzen und atmen

22. August 2010, 13:06
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Es begann als private Pein und wurde zu einem befreienden Buch: Der englische Autor Tim Parks nimmt seine Krankheit als Fallstudie mit Folgen für viele

Das fängt ja gut an: "eine unterschwellige Spannung im ganzen Bauch, ein scharfes Stechen im Beckenboden, elektrische Schläge entlang der Innenseite der Oberschenkel, Kreuzschmerzen, ein Ziepen und Zwicken im Penis." Keine Themen für einen geselligen Abend oder für ein Buch, das sich verkaufen will. Tim Parks hatte auch nicht damit gerechnet, je etwas über seinen eigenen Körper zu schreiben. "Ich verspürte keinerlei Bedürfnis" , versichert der englische Autor schon im Vorwort, "jemandem von meinem Leiden zu erzählen."

Doch dann kamen Dinge in Fluss, die mächtiger waren als seine Skepsis und seine steife Oberlippe, die ihn jahrelanges Leiden ertragen ließ. Prostatitis lautete eine der Diagnosen, zu chirurgischen und zu medikamentösen Maßnahmen wurde ihm geraten, der Verdacht auf Krebs stand im Raum.

Im Internet, dessen Legionen von Hilfesuchenden und Wehklagenden ihn zunächst nur noch mehr verunsichert hatten, fiel ihm schließlich eine Spur auf. Zwei Urologen der Stanford-Universität schrieben detailliert über Symptome einer Krankheit. Parks erkannte seine Situation wieder. Sie schienen ihn besser zu kennen als die Ärzte, die er häufig konsultierte. Sie beschrieben ein "Protokoll" , einen Therapievorschlag, der so ganz anders klang als alles Bisherige und auch anders, als er es von amerikanischen Fachärzten erwartet hatte.

Sie rieten nicht zu Operationen und nicht zu Pharmaka, sie versprachen keinen Erfolg. Stattdessen sprachen sie in A Headache in the Pelvis von paradoxer Entspannung, von Bauchatmung und aufrechtem, meditativem Sitzen.

Vielleicht war es nur der sprichwörtliche Strohhalm, nach dem der angelsächsisch pragmatische, allem "Hokuspokus" abholde Parks griff. Jedenfalls war er, dessen dichterische Freiheit und dokumentarische Recherchen ihn schon an den Hof der Medici, in Wildbachschluchten, zu interkulturellen Kongressen oder zu Mörderdramen geführt hatten, bereit, auf das Hin-und-her-Wälzen weiterer Möglichkeiten zu verzichten und einfach innezuhalten: Konzentration auf den Augenblick, kein Planen, keine Worte.

Herausgekommen ist dabei, paradoxerweise, ein ganzes Buch: Die Kunst stillzusitzen.

Es handelt davon, wie ein Skeptiker auf der Suche nach Gesundheit und Heilung - so der Untertitel - nicht nur die Linderung seiner Schmerzen erfährt, sondern wie sein ganzes Weltbild ins Wanken gerät. Er kommt anders ins "wirkliche" Leben zurück, als er es immer wieder verlassen hat, um sich außerhalb abgesteckter Zeit und symptomatischer Zwänge zu sammeln.

Du sollst nicht verbalisieren

Die Kunst stillzusitzen ist also einerseits eine autobiografische Fallstudie. Gekonnt vermittelt Parks das Labyrinth seiner Leiden; erst ab der Hälfte des Buches geht es um den Heilungsprozess, um die zunächst fast unüberwindliche Abneigung gegen meditative Praktiken, um die Angst, als esoterischer Spinner dazustehen, um den langen Weg zu einer Lösung in jedem Sinn des Wortes.

In diese Darstellung hat er weitere Ebenen eingezogen. Was, fragt er, lässt sich überhaupt sagen, in welcher Sprache, und wie kann man es übersetzen?

Seit fast 30 Jahren lebt der 1954 in Manchester geborene Parks mit seiner italienischen Frau in Verona: auch hier eine Geschichte anfänglicher Verwirrung und Verwehrung, erst nach Jahren ließ er sich auf die neue Sprache ein, schrieb weiterhin auf Englisch, aber übersetzte bald Autoren wie Alberto Moravia oder den schwierigeren Italo Calvino und auch Niccolò Machiavelli.

In seinem neuen Werk spielen die immer noch bestehenden kulturellen Barrieren zwischen ihm und den quirligen, aber letztlich hilflosen Mailänder Ärztefreunden eine Rolle, doch auch die Distanz zu einer Londoner Koryphäe, der er sein Anliegen ebenfalls kaum "übersetzen" kann.

Zu den Übungen, die ihm die US-Mediziner empfohlen haben und die er in Meditationswochen lernt, gehört, dass man auf Worte und Begriffe überhaupt zu verzichten lernt. "Du sollst nicht verbalisieren" , sagt er sich (und wird er schreiben) - allerdings in ebendiesen Worten. "Ineffable" nennt er ein entscheidendes Kapitel, zu Deutsch: äußerst groß, stark - und unbeschreiblich. An diesem Paradoxon arbeitet er sich ab. "Etwas, das man nur beschreiben kann, indem man sagt, es lässt sich nicht in Worte fassen." Ein westlicher Kopf versucht, sich östlicher Anschauung anzunähern. "Ich war sprachlos, dort, mittendrin."

Die Reise führt zum Buddhismus (ein Ziel, das die beiden Protokoll-Professoren kaum erwähnen, weil sie sonst, vermutet Parks, a priori abgelehnt worden wären). Für den Autor ist sie umso länger, als er sie von sehr weit weg angetreten hat. Wiederholt kommt er auf sein streng religiöses Elternhaus zurück - ein Leben "in quiet desperation" : schlag nach bei Pink Floyd -, auf die Deformationen seiner Kindheit, die sich nahtlos in seinen Träumen und in peinlichen Episoden im Erwachsenenalter fortsetzten.

Er vergleicht seine Gefühlswelt mit Textstellen in D. H. Lawrence' Liebende Frauen, seine Krankengeschichte mit jenen von Thomas Bernhard und Thomas Hardy, S. T. Coleridge und Robert Walser.

Das Buch ist ihm damit obendrein zu einem außergewöhnlichen literarischen Autodafé geraten. Zeitgleich erscheint es in Kürze auf Englisch und Deutsch. Darum sitzt er jetzt im Büro seiner Münchner Verlegerin Antje Kunstmann und lässt seine Geschichte Revue passieren.

Alles ist gleich gültig

Die Kunst stillzusitzen, sagt er, gehe um eine persönliche Veränderung, die jeden betreffen könne. "Wir glauben immer, es gebe zwei Ichs, den Körper und den Geist. Das halte ich für eine Sackgasse, eine Dissonanz, die man hinter sich lassen soll."

Geschrieben habe er darüber - anfangs zögerlich, doch dann sehr schnell -, damit die Überlegungen auch anderen zugutekommen. "Wir Schreiber haben einen Hang, möglichst preiswürdige ‚literarische Leistungen‘ zu produzieren, und halten das für wichtiger als das Erfahrene selbst. Das sehe ich mittlerweile als einen Fehler, den die Gesellschaft ermutigt."

Wie er den Wert einer ganz anderen Wahrnehmung der Welt, "a transformation of Gestalt" hervorhebt, klingt das nach Drogenerfahrungen. "Nein, die habe ich nicht. Nach den paar Mal Marihuana hatte ich fast selbstmörderische Gedanken." Und der Unterschied zu Psychedelika sei, dass man bei tiefer Meditation keinen Führer für den Notfall brauche und jederzeit aussteigen könne.

"Das Interessante an Vipassana (einer Meditationsform, die Einsicht unter anderem in die Unbeständigkeit von allem ermöglicht) ist: Je mehr man sie übt, desto unwichtiger wird die Erfahrung selbst. You learn to become indifferent." Anders gesagt: dass alles gleich gültig ist.

Ob es für solche Erfahrungen wichtig ist, etwa nach Indien zu reisen, wo er schon beruflich war (siehe rechts)? "Überhaupt nicht. Es geht ja gerade darum, das Bedürfnis nach etwas Melodramatischem zu überwinden. Also ob Verona oder Varanasi, das ist nach zehn Minuten Versenkung egal."

Parks' Buch wird übrigens auch auf Italienisch erscheinen, und manche Freunde werden sich wundern, warum er nie von seinen Problemen geredet hat (was vielleicht Teil des Problems war). Andere werden über sein "unwissenschaftliches" holistisches Menschen- und Weltbild lächeln. "Das hat mit Ängsten und Vorurteilen zu tun. Dieselben Leute glauben an eine Auferstehung im Paradies. Da kommt mir die Idee der Wiedergeburt noch wissenschaftlicher vor."

Eine Frage noch, Mr. Parks: How are you, come sta? Nicht als Floskel, sondern wirklich, jetzt, nach den beschriebenen Veränderungen, wie geht's Ihnen?

"I'm fine, thanks, in einem ganz banalen Sinn geht es mir physisch besser als früher. Die Verkrampft-heit ist weg. Und ich gehe gleichmütiger an alles heran. Ein kleines Beispiel: Ich jogge nach wie vor, aber nicht mehr mit dieser zwanghaften Entschlossenheit, fit zu bleiben."

Der Alltag hat ihn wieder, wie am Ende des Buches steht, aber anders. Eine Meditation in der Früh, "nichts Mystisches" , dann mit der Tochter zur Schule fahren, danach ins Büro, an den Computer: das letzte Kapitel schreiben "und dann weitergehen" . (Michael Freund, DER STANDARD Printausgabe, 21.8.2010)

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    In der Meditation lernt auch ein produktiver Schriftsteller, auf Worte und Begriffe zu verzichten: "You learn to become indifferent."

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