O Rudolf! Welch ein Ohrenschmaus!

20. August 2010, 17:58
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Rudolf Buchbinder hat das Grafenegg-Festival 2010 als ein luxuriöses Defilee grandioser Klangkörper konzipiert

Grafenegg - Waren 2009 noch Hiob-Hype und Kassandra-Clubbings angesagt, so ist aktuell anscheinend schon wieder Aufschwung. In visionärer Antizipation dieser Hausse hat Rudolf Buchbinder, der späte Impresario, das Grafenegg-Festival 2010 als ein luxuriöses Defilee grandioser Klangkörper konzipiert. Concertgebouw Orchester, das City of Birmingham (Andris Nelsons) und das Cleveland Orchestra (Franz Welser-Möst) geben sich die Wolkenturm-Klinke in die Hand, Herbert Blomstedt und Christoph von Dohnányi schauen auch dirigierend vorbei; und finalisiert wird mit den Wiener Philharmonikern, Nikolaus Harnoncourt und Lang Lang. Hammer!

Eröffnet wurde die Orchesterschau mit einem konzertanten Fidelio, und er war fantastisch. Man sah Erwin Pröll, den Landesvater, auf seinem Balkonplatz sitzen und fühlte förmlich seinen Gedanken keimen: Warum hab ich da nur kein Opernhaus hingebaut, in Grafenegg? Denn das erste Musikerkollektiv seines Landes, das Tonkünstler-Orchester, agierte auf der Bühne des Auditoriums mit einer staatsopernorchestergleichen Reaktionsschnelligkeit, mit emotionaler Variabilität und Präzision; Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada machte aus dem oft als symphonisch umflorten Arienkreis präsentierten Fidelio eine packende Oper.

Nie wieder wird man den Gefangenen-Chor mit intensiverer Ermattung hören (Schönberg Chor), nie wieder das erste "Gott" Florestans (frisch aus Luzern für Johan Botha: Simon O'Neill) strahlender. Kämpferisch stand ihm Anja Kampe (Leonore) zur Seite, Falk Struckmann (Don Pizarro) spielte mit Partie und Publikum und war von begeisternder Bosheit, Christof Fischesser (für Kurt Rydl als Rocco eingesprungen) und Alexander Kaimbacher (Jaquino) komplettierten das vokale Höchstmaß. Und Heribert Sasse präsentierte die konzisen Textintermezzi Wilhelm Sinkoviczs in grandseigneuraler Weise. Bravos und Beglückung allüberall. Mögen die Spiele beginnen! (Stefan Ender, DER STANDARD - Printausgabe, 21./22. August 2010)

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