"Herausfinden, ob der Tank voll ist"

20. August 2010, 17:05
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Christian Berger lehrt an der Wiener Filmakademie und kämpft jedes Jahr mit dem gleichen Problem: die fünfzehn besten Bewerber zu finden Gespräch mit dem Kameramann von "Das weiße Band"

STANDARD: Herr Berger, Sie sind ein äußerst erfolgreicher Kameramann. Schränkt Sie die Lehrtätigkeit bei Ihrer Arbeit künstlerischen nicht
ein?

Berger: Nein. Ich drehe ja nicht das ganze Jahr hindurch ohne Unterbrechung, sondern kann das fast immer in der unterrichtsfreien Zeit
tun. Und auch sonst schränkt mich das Unterrichten in keiner Weise ein. Im Gegenteil, die Professur an der Filmakademie hat mich freier
gemacht. Als mir angeboten wurde, an der Filmakademie zu lehren, habe ich sofort zugesagt. Dadurch bin ich in der komfortablen Situation, mir
aussuchen zu können, was ich machen will. Das empfinde ich als echtes Privileg. So kann ich mich auf die Projekte konzentrieren, die mich
wirklich interessieren und muss zum Beispiel keine Fernseh-Brotjobs machen. Ganz abgesehen davon, war es mir immer wichtig, auf mehreren
Beinen zu stehen, und zwar nicht nur aus Gründen der finanziellen Absicherung, sondern weil ich Vielfältigkeit für sehr wichtig erachte.

STANDARD: Allein mit der Kunst seinen Lebensunterhalt zu bestreiten ist - jedenfalls für junge Künstler - oft sehr schwierig. Trotzdem haben
viele Künstler das Gefühl, sie würden sich selbst untreu, wenn sie Jobs annehmen, "bloß" um auch Geld zu verdienen.

Berger: Ja, solche Kollegen hatte ich auch. Die saßen im Kaffeehaus bei ihrer Melange, und wurde ihnen ein Job angeboten, der ihren hohen
Anforderungen nicht entsprach, lehnten sie ab, meist mit dem Argument, sie würden sonst ihre Visionen opfern. Ich habe mir das alles nicht
überlegen können, denn ich musste Geld verdienen, weil ich für eine junge Familie zu sorgen hatte. Darüber hinaus war immer aber mein Ziel,
mit meiner Leidenschaft mein Geld verdienen zu können. Und wenn ich eines weiß: Das ist möglich. Ich hatte meine erste Chance dazu beim ORF
im Landesstudio Tirol. Als Bildberichterstatter habe ich im aktuellen Dienst begonnen. Rückblickend betrachtet weiß ich, dass ich in dieser
Zeit sehr viel gelernt habe.

STANDARD: Das heißt, Ihre Fremdgänge waren bereichernd.

Berger: Auf alle Fälle. Ich habe das Gefühl, vom Lehren zumindest so viel zu profitieren wie meine Studenten. Aber: Je älter man ist, desto
schwieriger ist es, Geduld für Wiederholungen aufzubringen. Ich kenne meine Studenten und sehe auch, wenn sie sich anschicken, Blödsinn zu
machen. Ich sage ihnen - immer wieder - tut dies oder das doch nicht, mit dem Effekt, dass sie es natürlich trotzdem tun. Das passiert mir
jedes Jahr wieder, obwohl ich ja weiß, dass jeder seine eigenen Fehler machen und seine Krisen durchleben muss. Und Krisen waren für mich
selbst immer sehr fruchtbar. Ich habe großes Vertrauen in die Krise, auch wenn das seltsam klingt. Während man drinnen ist, mag es wehtun,
aber letztlich bringt es mich weiter.

STANDARD: Sagen Sie das auch einem Studenten, der gerade an der Aufnahmeprüfung für die Filmakademie gescheitert ist?

Berger: Wenn es zutrifft, ja. An der Akademie bewerben sich hunderte Studenten, und nehmen kann ich in meiner Fachrichtung höchstens vier.
Dass man da nicht oder nicht beim ersten Mal zum Zug kommt, sollte man einkalkulieren. Auch für mich sind diese Auswahlverfahren sehr fordernd.
Natürlich will ich herausfinden, wer die besten sind, bei welchen der Tank voll ist und die Antennen auf vollem Empfang. Darauf kommt es
nämlich an.

STANDARD: Und gelingt es Ihnen, diese Leute zu finden?

Berger: Ich versuche es. Ich will jene finden, denen es um den Inhalt und nicht um den Schein geht. Es geht mir auf die Nerven, wenn von
schönen Tellern und edlem Besteck geredet wird und aufs Essen keiner mehr achtet. Mich interessieren jene, die selbst auf der Suche sind. Das
sind allerdings nie mehr als 15 Prozent. Aber das macht nichts, ich bin happy, wenn ich sie finde. (Judith Hecht, DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.8.2010)

CHRISTIAN BERGER, geboren 1945, arbeitet als Kameramann, Drehbuchautor, Filmproduzent und lehrt an der Filmakademie Wien.

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