Plädoyer für Training der Beweglichkeit

21. August 2010, 08:28
31 Postings

Wer sich um seinen Körper, seine körperliche Fitness nicht kümmert, altert auffällig schneller und baut sichtbar früher ab, sagt Körpertrainerin Benita Cantieni

Den meisten Führungskräften geht die Wichtigkeit der Gesundheit leider erst auf, wenn sie auf der Kippe steht, wenn sie abbauen, wenn ihnen plötzlich bewusst wird: Sie haben mit sich selbst, mit ihrem Körper Raubbau betrieben" , berichtet Benita Cantieni. Und eigene Erfahrungen schwingen dabei mit.

Als Körpertrainerin lebt Cantieni sozusagen in zweiter Karriere. Als ihr Körper immer mehr den erforderlichen beruflichen Einsatz verweigerte, gab sie ihren Posten als Chefredakteurin einer internationalen Frauenzeitschrift auf und machte sich mit einem schrittweise selbst entwickelten Körpertraining wieder fit. Und 1992 damit selbstständig. Inzwischen ist ihr Training unter dem Namen "Cantienica" eine Marke. In Europa therapieren mittlerweile rund 1000 Gesundheitsprofis mit der Methode. Cantienis Erfahrung: Menschen, die sich nicht um ihren Körper, ihre körperliche Fitness kümmern, altern auffällig schneller als körperbewusst(er) lebende. Eine Beobachtung, die nicht nur Führungskräften zu denken geben sollte. Besagt sie doch: Menschen, die ihren Körper vernachlässigen, für die die Pflege ihrer körperliche Fitness nicht ebenso selbstverständlich ist wie ihre sonstige Körperpflege, lassen in ihrer ursprünglichen Belastbarkeit und Arbeitskraft schneller als normal und naturgegeben nach. Womit ihr Risiko, sich das Überforderungssyndrom Burnout einzuhandeln, beachtlich wächst. Selbstverschuldet.

Bewegung als Lebenselixier

Cantieni: "Nicht immer ist es nur der Job, der auszehrt. Viele sorgen auch mit ihren Verhaltensweisen dafür." Aus diesem sich immer wieder bestätigenden Wissen heraus ist es das Anliegen der Zürcherin, "gerade auch die stark geforderten Berufstätigen daran zu erinnern, dass neben der üblichen alltäglichen Bewegung bewusste, den Körper behutsam trainierende Bewegungsabläufe ein wahres Lebenselexier sind, dass der Körper diese ganz bewusste Bewegung von seiner evolutionären Anlage her unbedingt braucht und will, um auch aus sich heraus so lange wie möglich voll funktionstüchtig zu bleiben."

Und der Körper belohnt diese ihm zuteil werdende Sorgfalt. "Wer sich die Zeit für ein überlegtes Bewegungstraining nimmt, hält beruflichen Anforderungen besser stand, baut belastungs- und leistungsmäßig bei weitem nicht so schnell ab, ist optimistischer, weniger von Zukunftsängsten heimgesucht, seltener verstimmt, aggressiv oder gar depressiv." Rückmeldungen der von ihr Trainierten bestätigen sie: Davon profitieren Leib und Seele, wodurch die persönliche Leistungsfähigkeit ein merklich belastbareres Fundament bekommt, hört sie immer wieder. Erkenntnisse, die auch medizinisch-psychologische Forschungsergebnisse belastbar bestätigen.

Gesunder Geist in gesundem Körper

All das macht die bewusst körperorientierte Bewegung für Cantieni "zur sinnvollen anderen Seite unserer gewohnten Körperpflege" . Schließlich pflege auch gute Bewegung den Körper, ja sei geradezu eine Belohnung für ihn. Fehle sie, entstehe dadurch eine zusätzliche Beanspruchung des Körpers, die ihn langsam, aber sicher immer funktionsuntüchtiger mache! "Nicht zuletzt auch in der bei der heutigen Beanspruchung zunehmend wichtiger werdenden Fähigkeit, sich mental immer wieder selbst zu stabilisieren und zu motivieren" , sagt Cantieni. Was im Übrigen keine neue Erkenntnis sei, wie die antike römische Formulierung "Orandum est ut sit mens sana in corpore sano" zeige: "Gesunder Geist in gesundem Körper - darum muss man vor allem beten."

Worauf zielt Cantieni bei ihrer Körperarbeit besonders ab? Sie will dem Körper so viel Kraft und Beweglichkeit antrainieren, "dass er sich in all seinen möglichen Variationen bewegen will, dass der Körper wieder sein Bewegungsbedürfnis anmeldet wie Durst oder Hunger oder Müdigkeit, dass bewusste körperorientierte Bewegung wieder zu einer geliebten Lebensnotwendigkeit wird - aus dem Erleben eines viel besseren Körpergefühls, eines viel größeren Wohlbefindens, einer spürbar größeren Gelassenheit und Belastbarkeit heraus."

Wunderwerk menschlicher Organismus

Für Benita Cantieni ist der menschliche Körper ein Wunder. Ein Wunder, "dass viele, ganz besonders aber auch die ganz intensiv arbeitenden Menschen einfach als selbstverständlich hinnehmen und sich wundern, wenn dieses Wunder auf einmal nicht mehr wie gewohnt reibungslos funktioniert" . Der Körper sei es wert, dass wir ihm Sorge tragen. Außerdem sei das ein lohnendes Unterfangen, denn der Körper zahle alles mit Zinsen zurück, was wir in ihn investieren, er sei eine Anlage mit hoher Rendite. "Wir können etwas für unseren Körper tun, ihn kräftigen, solange wir leben. Knochen, Sehnen, Bänder und Muskeln, die großartigen, hochintelligenten Muskeln, sind lebendig und elastisch und formbar" , sagt Cantieni. Und man spürt, wie sie am liebsten die Leute bei der Hand nehmen und mit ihnen auf der Stelle lostrainieren möchte.

Die mitreißend zupackende, unprätentiöse Frau staunt, wie viel Menschen über ihre Autos wissen, über ihren Computer, über ihr Handy. Wie genau die Menschen das Kochen nehmen, das Fotografieren, das Gärtnern. Und wie wenig dieselben Menschen über ihren Körper wissen. Ihr Rat: "Lernen Sie auch die Gebrauchsanweisung für Ihren Körper kennen." (Hartmut Volk, DER STANDARD Printausgabe, 21./22.8.2010)

LESETIPP


Benita Cantieni: "Catpower - Das ultimative Körperbuch" , Südwest Verlag, München , 2. Auflage 2009, 253 Seiten;

Maja Storch / Benita Cantieni / Gerald Hüther / Wolfgang Tschacher: "Embodiment - Die Wechselwirkungen von Körper und Psyche verstehen und nutzen" , Verlag Hans Huber, Bern, 2., erweiterte Auflage 2010, 200 Seiten;

Freerk Baumann: "Die Macht der Bewegung - Dem Körper wieder vertrauen nach einer schweren Erkrankung - Bahnbrechende Erkenntnisse der Bewegungstherapie" , Irisiana Verlag, München 2009

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.