Happy Birthday, Explorer

20. August 2010, 10:38
26 Postings

Das interessanteste Phänomen des in die Jahre gekommenen Explorers ist, dass ihn der kräftige Gegenwind junger Konkurrenz revitalisiert hat

Das Vehikel, das lange Zeit zwangsläufig unser bevorzugtes Transportmittel ins Internet war, ist 15 Jahre alt geworden. 1995 warf Microsoft den Internet Explorer ins Gefecht gegen den dominanten Webbrowser Netscape Navigator. Der Explorer konnte anfangs mit Netscape nicht mithalten, aber Microsoft machte ein unwiderstehliches Angebot: gratis.

Der Explorer wurde de facto der einzige Browser weit und breit

Man könnte argumentieren, dass der Erfolg des Explorers das Ende der Microsoft-Ära einläutete. Binnen kurzem war Netscape tot, und der Explorer wurde de facto der einzige Browser weit und breit.

Das bescherte Microsoft über ein Jahrzehnt teure Wickel mit den Kartellbehörden in den USA und in der EU, die erst in diesem Frühjahr mit der verpflichtenden freien Browserwahl beigelegt wurden. Abgesehen von Kosten hatte das eine andere Konsequenz: Microsoft stand unter ständiger Beobachtung und musste große Vorsicht walten lassen - möglichweise der Grund, warum es zu keiner Fusion mit SAP kam, was Oracle zu schaffen gemacht hätte.

Handys und Tablets

Und der Explorer half bei der enormen Popularisierung des Internets, was wiederum Google und seine werbefinanzierten Gratisangebote ermöglichte - Basis dafür, dass der Onlinekonzern Microsoft als Leitunternehmen beerbte. Das bedrängt Microsoft auch in seinen Kernbereichen: bei Software, die nach und nach "aus der Wolke" kommt, und bei Betriebssystemen für mobile Internetgeräte wie Handys und Tablets.

Aber keine Sorge, es lässt sich auch prächtig leben, wenn man nicht mehr Platzhirsch in allen Revieren ist: Microsoft ist der mit Abstand profitabelste IT-Konzern der Welt.

Das interessanteste Phänomen des in die Jahre gekommenen Explorers ist, dass ihn der kräftige Gegenwind junger Konkurrenz revitalisiert hat. Der Explorer, in den behäbigen Monopoljahren wenig innovativ, hat im Wettkampf mit Firefox, Google Chrome, Apple Safari und einer Handvoll Nischenplayer eine Verjüngungskur gemacht, um wieder auf der Höhe der Zeit zu sein.

Kein Geld

Es ist bemerkenswert, dass nach den Monopoljahren des Explorers der Browser zu einer der umkämpftesten Kategorien von Software wurde - obwohl damit kein Geld zu verdienen ist. Das bescherte uns Neuerungen wie "Tabs" (verschiedene Webseiten mit Registerkarten, statt ständig neue Fenster zu öffnen) oder besser designte Seiten, die Lesen und Navigation leichter machen.

Heute hat der Explorer in allen Versionen (demnächst: IE 9) noch einen Marktanteil von 60 Prozent, die mit mobilen Geräten (bei denen Microsoft im Rückstand ist) weiter schrumpfen werden.

Apps, die Handys, iPad und künftige Tablets

Aber die eigentlich Konkurrenz findet bereits längst woanders statt, und das für alle Browserhersteller. Mit den Apps, die Handys, iPad und künftige Tablets, TV mit Internetzugang und andere Online-Geräte bevölkern. Diese Art von Software, die sich auf die Erledigung konkreter Aufgaben beschränkt - Wetter, Nachrichten, Mail, soziale Medien etc. - konzentriert überbordende Internetinhalte in übersichtliche Gefäße. Zwar steckt auch darin als Motor oft ein Browser - aber der ordnet sich der jeweiligen App unter. (helmut.spudich@derStandard.at, Kolumne DER STANDARD Printausgabe, 20. August 2010)

 

  • Artikelbild
Share if you care.