Ein Kratzen an manchen Tabus

26. April 2003, 16:41
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Historikerin Martha Keil schöpft aus Originalquellen

Opfer von Verfolgungen und Gelehrte - in einer anderen Rolle habe sie Juden im Mittelalter kaum kennen gelernt, beschreibt Martha Keil die Anfänge ihres Studiums, als sie sich noch im Hauptfach der Judaistik widmete. Später wechselte sie zur Geschichte, weil man die jüdische Vergangenheit "nicht für sich allein betrachten kann, sondern in allgemeine historische Entwicklungen einbetten muss". Dadurch verschwanden aber die Juden beinahe gänzlich aus den Mittelalter-Vorlesungen. Und jüdische Frauen spielten in beiden Disziplinen keine Rolle.

Ihr Interesse für das Mittelalter kann sich die heute 44-jährige Mutter zweier Kinder selbst nicht genau erklären - "vielleicht, weil mir das Adjektiv ,dunkel' immer zu einfach war, um Unwissen über diese Periode zu vertuschen". Das Faible für das Judentum lässt sich aber genau lokalisieren: im Jahr nach ihrer Matura, das sie in einem israelischen Kibbuz, einem landwirtschaftlichen Kollektiv, verbrachte. "Naive Begeisterung für den Sozialismus und die Frauengleichberechtigung" sei ihr Motiv zu dem ungewöhnlichen Auslandsjahr gewesen. Besonders fasziniert habe sie damals das Hebräische: "Zum einen gefiel mir die klare Logik der Sprache, wodurch sie für mich leicht zu erlernen war. Andererseits fand ich es spannend, dass eine Sprache, die nur in schriftlichen Quellen existierte und kaum gesprochen wurde, für den Alltag belebt werden kann."

Zurück in Wien wechselte sie nach einem einjährigen Dolmetsch-Studium zur Judaistik, später auch zur Geschichte. Bei Karl Brunner, dem heutigen Leiter des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, stieß Keil mit ihrem Interesse für alte, originalsprachige Dokumente auf offene Ohren. Den wissenschaftlichen Feinschliff verpasste ihr ein Spezialist für mittelalterliche hebräische Quellen im Rahmen eines einjährigen Studienaufenthalts in Berlin.

Trotz des exotischen Fachgebiets fand sich 1988 mit der Gründung des Instituts für Geschichte der Juden in Österreich ein geeigneter Arbeitsplatz: Seit 1995 fungiert sie dort als stellvertretende Direktorin. In ihrer Freizeit beschäftigt sich Historikerin Martha Keil mit Musik und frönt ihrer "Grünsucht" im Wienerwald. Mit Israel verbinden sie enge Freundschaften, weshalb sie trotz der aktuellen politischen Situation regelmäßig hinfährt.

Von Angehörigen der jüdischen Gemeinde werde ihre wissenschaftliche Arbeit sehr interessiert und wohlwollend wahrgenommen, beschreibt Martha Keil, selbst wenn sie an manchen Tabus kratze. Manchmal gelingt es ihr sogar, mit ihren Ergebnissen zu überraschen: So konnten es orthodoxe jüdische Frauen bei einem Vortrag in Budapest nicht fassen, dass Frauen im Mittelalter ohne männliche Begleitung reisen und bei Christen übernachten durften - und damit vor siebenhundert Jahren größere Freiheiten genossen als sie heute. (Elke Ziegler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27. 4. 2003)

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