Jüdinnen als mittelalterliche Geschäftsfrauen

26. April 2003, 16:41
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Die Synagoge blieb aber auch finanziell und politisch bedeutenden Frauen verschlossen

Selbstbewusst und mächtig, anstatt unterdrückt und scheu: Die Historikerin Martha Keil untersuchte die Stellung der jüdischen Frau im Spätmittelalter und kam zum Schluss, dass die Geschichte teilweise neu geschrieben werden muss: Wohlhabende Frauen verfügten über großen Einfluss in ihren Gemeinden und übernahmen offizielle Funktionen. Im Gegenzug wurden sie aber aus der Synagoge immer stärker ausgegrenzt.

"Frauen schienen in wissenschaftlichen Arbeiten schlicht nicht auf, weil es angeblich keine Quellen gibt", beschreibt Keil den Grund, warum sie sich auf die Suche nach weiblichen Spuren im Spätmittelalter gemacht hat. Dabei müsse man nur genauer hinschauen: "Hinweise finden sich sowohl in den Rechtsgutachten der Rabbiner als auch in schon bekannten Quellen. Sie wurden nur nie auf die Rolle von Frauen hin gelesen."

Unterstützt durch ein Stipendium des Wissenschaftsfonds durchforstete Martha Keil (siehe Geistesblitz) zahllose Dokumente und kam zu erstaunlichen Ergebnissen: In der Geldleihe, einem der wenigen Gewerbe, die Juden im Mittelalter ausüben durften, spielten Frauen eine bedeutende Rolle. Immerhin die Hälfte aller Darlehen in Nordfrankreich und vielen englischen Gemeinden sowie ein Viertel aller Geldleihgeschäfte im deutschsprachigen Raum wurden von Frauen abgewickelt. Keil stieß sogar in Form von Darlehensgesellschaften auf eine frühe Form von Frauennetzwerken. Bei genauerem Hinsehen wird das Bild zwar differenzierter - so vergaben jüdische Frauen nur etwa ein Zwanzigstel der hochdotierten Darlehen an Adelige, doch bis zu einem Drittel der geringeren Summen an Kleinbürger. Dennoch "war ich vom hohen Anteil selbst sehr überrascht", beschreibt die Historikerin.

So bedeutend wie ihr Wohlstand war auch der Beitrag von Frauen zur Steuerleistung, die eine Gemeinde an den weltlichen Herrscher abliefern musste: Zorline von Frankfurt etwa kam alleine für 60 Prozent der durch alle Geldhändler im Jahr 1391 bezahlten Steuersumme auf. Ihr finanzielles Gewicht ermöglichte es Frauen, auch gemeindepolitische Macht zu erlangen: Selda von Radkersburg in der Steiermark war schon 1338 als offizielle Steuereinnehmerin ihrer Gemeinde tätig. Im deutschen Regensburg gab es mit Kaendlein, die durchschnittlich fast das Dreifache an Steuern zahlte als die übrigen Juden, sogar eine Gemeindevorsteherin.

Christlichen Frauen in Regensburg blieb eine derart bedeutende Funktion innerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft verschlossen. Aus einem Bereich wurden aber auch die wohlhabendsten Frauen sukzessive ausgeschlossen: aus der Synagoge. Die Abgrenzung vollzog sich in kleinen Schritten, beschreibt die Historikerin: Das erste bekannte Beispiel einer architektonischen Abtrennung der Frauen ist die gemauerte "Frauenschul" in Worms aus dem Jahr 1212.

Die meisten Frauenschulen entstanden im 14. Jahrhundert, wobei Martha Keil die Errichtung eigener, der Synagoge zwar angegliederter, mit dem Hauptraum aber nur durch schmale Schlitzfenster verbundener Gebetsräume ambivalent interpretiert: So könnten sie eine Errungenschaft der Frauen selbst sein, die nicht mehr abseits der Toralesung der Männer in anderen Häusern beten wollten.

Gleichzeitig wurde aber die Teilnahme von Frauen an einzelnen Zeremonien im religiösen Hauptraum, wie es im 11. und 12. Jahrhundert noch erlaubt war, endgültig verboten. Während Frauen früher beispielsweise eine Beschneidung in der Synagoge leiten konnten, durften sie im 14. Jahrhundert nur mehr das Kind von der Mutter holen und bis zum Eingang des Gebetshauses bringen, wo es von den Männern übernommen wurde. Als Grund für die schrittweise Ausgrenzung von Frauen vermutet Keil ihren wirtschaftlichen Erfolg: "Frauen waren im Geschäftsbereich und damit auch in der Gemeindeorganisation derart wichtig geworden, dass sich die Männer gezwungen sahen, die Synagoge als ihre letzte Bastion zu schützen."

Argumentiert wurde der Ausschluss mit der "Unsittlichkeit", und zwar sowohl der Frauen als auch der Männer. So heißt es zur Beschneidung in den Aufzeichnungen eines Rabbi, dass die Frau "wegen der Sittenlosigkeit, dass eine Frau unter die Männer geht" an der Schwelle zur Synagoge stehen bleiben müsse. Auch dürfe kein Mann das Kind von der Mutter holen: "Wenn ein Mann zur Wöchnerin eintritt, ist es die Art der Frauen, den Träger am Gebetsschal festzuhalten." Deshalb dürften sich Männer und Frauen nicht vermischen, "denn alles, was das Fernhalten von ihnen vermehrt, ist lobenswert".

"Der Synagogenraum erweist sich als virtueller Austragungsort des Konflikts zwischen ökonomischer Realität und männlicher Ehre", fasst Martha Keil zusammen. Gelöst werden konnte Letzterer nur durch die Trennung von Frauen- und Männerraum, womit das religiöse Zentrum der Gemeinde dem damaligen Verständnis nach "sittsam" blieb - übrigens auch den Christen des Mittelalters ein vorrangiges Anliegen. (Elke Ziegler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27. 4. 2003)

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