Frauenkäferl flieg!

30. April 2003, 16:47
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Der Mai ist der Marienmonat und damit der beste Zeitpunkt, das Insekt mit dem Namen der Gottesmutter unter die Lupe zu nehmen.

Kann man an der Anzahl der Punkte, die ein Marienkäfer auf dem glänzend roten Rücken trägt, sein Alter ablesen? Leider nein, auch wenn das viele glauben. Ein Käfer, der nur zwei Punkte besitzt, ist keineswegs zwei Jahre jung, er gehört ganz einfach nur zur Zweipunkt-Marienkäferart. Bei uns ist der Zweipunkt recht häufig, ebenfalls hin und wieder zu finden sind "melanisierte" Formen mit fast schwarzem Panzer.

Ein ebenfalls bei uns heimischer Sonderfall des Marienkäfers ist der 22-Punkt mit dem lohgelben Panzer: Im Volksmund wird dieser sehr kleine Käfer auch "Schusterkäferl" genannt. Weltweit kennt die Wissenschaft rund 5000 Arten von Marienkäfern, 227 davon leben in Europa - am allerbekanntesten ist aber bestimmt der Siebenpunkt.

Alle Marienkäfer sind Wärme liebend, weshalb sie in manchen Gegenden Deutschlands Sonnenkälbchen oder Sonnenkindchen genannt werden. Schönwetter sollen sie nach dem Volksglauben auch bei uns bringen, und eben jetzt sind sie wieder unterwegs und schwirren überall umher, auf der Suche nach frischen Trieben und den Blattläusen, die sich an diesen gütlich tun wollen.

Schon Marienkäfer-Larven, die so genannten "Blattlauslöwen", muntere, graue Krabbler, lang gestreckt mit kleinen roten Flecken auf dem Rücken, futtern bis zu 600 Blattläuse, bis sie sich verpuppen. Nicht von ungefähr werden Marienkäfer heute gezielt zum biologischen Pflanzenschutz eingesetzt.

Uralte Glücksbringer

Marienkäfer haben uns Menschen seit jeher angesprochen: Die erste bekannte Darstellung eines Frauenkäferls ist auf 20.000 Jahre vor Christus datiert. In Frankreich wurde schon 1903 eine rund eineinhalb Zentimeter lange Marienkäfer-Plastik aus Mammut-Elfenbein entdeckt; sie ist mit einem Loch versehen und wurde wahrscheinlich als Schmuck getragen. Vielleicht auch als Talisman, denn auch der Glaube, dass Marienkäfer Glück bringen, ist uralt.

Bei den Germanen soll der Marienkäfer der Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin Freya geweiht gewesen sein, möglicherweise wurde diese Verbindung zum Göttlichen später auf die Jungfrau Maria übertragen.

Auch im englischen und französischen Sprachraum ist der Frauenkäfer das Insekt Mariens, wie die Namen "ladybug" und "bête de la Vierge" beweisen.

Als Insekt der Gottesmutter genießt der Marienkäfer besonderen Schutz: In manchen Gegenden glaubte man, dass jeder, der ein Frauenkäferl tötet, neun Tage mit dem Zorn Marias rechnen muss. Noch heute verbreitet ist der Glaube, dass es Glück bringt, wenn ein Marienkäfer auf einem landet. Man muss ihn dann vorsichtig auf den Finger krabbeln lassen. Wenn er sich wieder in die Lüfte erhebt und fortfliegt, darf man sich etwas wünschen, und es wird in Erfüllung gehen.

Möglicherweise hängt der Wunderglauben in Bezug auf den Marienkäfer mit seinen Punkten zusammen: Sieben ist seit jeher in den meisten Kulturen eine mystische Zahl.

Warum Marienkäfer in der Volksmedizin allerdings mit der Heilung von Zahnproblemen in Verbindung gebracht wurden, ist rätselhaft: Pulverisierte Marienkäfer sollten selbst schlimmste Zahnschmerzen zum Abklingen bringen. Käferfreundlicher war dagegen der Glaube, dass das Zahnweh nachlässt, wenn man auf dem Rücken liegenden Käfern wieder auf die Beine hilft.

Inzwischen gibt's zum Glück wirksamere Zahnheilmittel, einem Marienkäfer in Not unter die Arme bzw. Beine zu greifen, ist aber dennoch zu empfehlen: Vielleicht stimmt ja die Sache mit dem Wunsch, der sich erfüllt. (DER STANDARD, Printausgabe vom 26./27.4.2003)

Von
Andrea Dee
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