Handwerk, Durchblick, Ironie

26. April 2003, 10:16
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Das Vermächtnis eines "Journalistenmenschen". - Ein Nachruf auf den am Mittwoch verstorbenen "SZ"-Autor Herbert Riehl-Heyse

Die Idee "Reform der Journalistenausbildung" hielt mich Ende der 60er an der Universität. Herbert Riehl-Heyse war für diese Entscheidung so wichtig wie niemand sonst. In Inhaltsanalysen hatten wir gerade den Verlautbarungsjournalismus und die Hofberichterstattung "entdeckt". Und da entwickelte jemand auf der legendären "Seite 3" der Süddeutschen Zeitung exakt ein Gegenprogramm - eigenständig in der Themenwahl, reflektiert in der Durchleuchtung komplizierter Sachverhalte und immer auch amüsant in der ironischen Distanz zur Welt der Macher.

Eine dieser großen Reportagen wurde Thema einer neu eingerichteten Lehrveranstaltung "Praxiscolloquium" am Publizistik-Institut in München. Schon Jahre spielte sich in der Münchner SPD eine Endlosserie ab, ein Zwist um Rechts und Links, Alt und Jung, Etabliert und Oppositionell. Die Lokaljournalisten protokollierten das redlich Tag für Tag und über Jahre. Weder als einfaches Parteimitglied noch gar als normaler politisch interessierter Zeitgenosse vermochte man diese Querelen zu durchschauen. Streit, lautstarke Rhetorik und die wechselseitigen Beschimpfungen verdeckten, worum es inhaltlich überhaupt ging. Man verlor den Durchblick und wandte sich allmählich gelangweilt ab.

Und dann eines Tages eine ganze Seite Herbert Riehl-Heyse: Nun kehrte der Durchblick zurück. Auf einmal begriff man, dass es nicht nur um neurotische Parteiideologien ging, sondern um einen essenziellen politischen Konflikt. München war in der Analyse dieses politischen Reporters nur ein Vorspiel. Ähnliche Konflikte brachen im Laufe der Jahre in vielen Metropolen Europas aus. Hellsichtig war da ein Journalist, kaum über dreißig Jahre alt, bisher Unerklärbarem auf der Spur.

Das wollten wir den Studentinnen und Studenten natürlich vermitteln: Wie macht man so etwas? Was ist die "Poetik" eines solchen Textes - im Sinne einer handwerklichen Lehre vom Machen des Werkes. Dieser Disput waren unvergessliche 90 akademische Minuten.

Wir hätten ihn auch in den folgenden Monaten und Jahren oft einladen können, denn hier erarbeitete sich jemand mit großartiger Konsequenz seine originäre "journalistische" Handschrift. Hier praktizierte jemand journalistisch, worauf die Wissenschaft theoretisch ein wenig hilflos suchte: einen "neuen" Journalismus. Die Zugehörigkeit zur selben Generation erleichterte den Kontakt. Trotzdem blieb immer verblüffend, dass gerade er so nachdrücklich und so ohne Reserve alles unterstützte, was seinem Beruf mehr Bildung brachte - handwerkliche wie wissenschaftliche.

Für manche Stoffe war die Zeitung da allmählich zu eng geworden. So entstand ein Buch mit "Anmerkungen zur Freiheit eines Journalistenmenschen". Der Titel "Bestellte Wahrheiten" ist bei Journalistikstudenten längst zum Standardwerk geworden. Auch mit seinem Buch über die Verleger ("Götterdämmerung. Die Herren der öffentlichen Meinung") hat er der Kommunikationswissenschaft erstaunliches Material zugeliefert.

Schon lange umkreisten wir in Wien die Idee einer Journalistikdozentur nach dem Muster zum Beispiel der Frankfurter Poetikdozentur. Mit Herbert Riehl-Heyses geduldiger argumentativer Hilfe wurde daraus im Jahre 2000 endlich die "Theodor-Herzl-Dozentur für Poetik des Journalismus". Vor zwei Jahren folgte er selbst unserer Einladung und hielt im Mai 2001 vier Vorlesungen an der Universität Wien. Als Buch erschienen sie unter dem Titel "Arbeiten in vermintem Gelände. Macht und Ohnmacht des Journalismus" (Picus, Wien 2002). Sie sind nun sein journalistisches Vermächtnis geworden. Dazu gehört auch seine historisch sensible Suche nach den Vorbildern dieses der europäischen Aufklärung zu verdankenden Berufes. Mit seinem Werk hat er sich selbst in diesen "Kanon Journalismus" hineingeschrieben. (DER STANDARD, Printausgabe vom 26./27.4.2003)

Von Wolfgang R. Langenbucher, Professor am Publizistik-Institut der Universität Wien
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