Ein Trainer ist nixe ein Idiot

27. April 2003, 17:29
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Eine Biographie über Ottmar Hitzfeld als Kicker, Trainer und Mensch

Reinhold Aumaier

Ein Trainer sei also kein Idiot, wollte Giovanni Trapattoni in seiner berühmten Ansprache, die sich vor einigen Wochen zum fünften Mal jährte, seinen Kickern und der Welt(-presse) einreden bzw. -brüllen. Einspruch, Euer "Trap". Beginnen wir mit der Kürzestgleichung: Trainer=Mensch=(möglicher) Idiot. Allein in Gedanken an die letzten Jahre bei Grün-Weiß fallen uns schon zweieinhalb Beispiele ein. Jeder möge selber urteilen, auf welchen der gemeinten Herren die lexikalisch angeführten Bedeutungen zutreffen: einfacher Mensch, ungeübter Laie, Stümper. Auch die Bezeichnung Privatmann gehört dazu. Diese Rolle kann sich ein Spitzentrainer, einer mit Leib und Seele also rund um die Uhr, großflächig abschminken. Zu meist gut bezahlten Privatmännern werden nur solche, die sich in ihren Ämtern als . . . äh . . . Idioten ausgewiesen haben. Denen bleibt dann jede Menge Zeit für den jammervollen Plausch mit ihresgleichen.

Ganz anders bei den Meistern ihres Faches. Da werden die abgezwackten halben Stündchen zum reinen Genuss. Ottmar Hitzfeld in ungewohnt schwärmerischem Ton: "Die Tee-Gespräche mit Alex sind Highlights in meinem Trainerleben. Ich habe Ferguson schon bewundert, als ich noch Spieler war, er war für mich schon immer der Inbegriff des edlen und feinen Menschen auf der Trainerbank." Diese Eloge auf den kongenialen Sir ManU fällt zu einem Gutteil auf den Mister Bayern zurück. Auch Hitzfeld ist keine unedle Erscheinung auf der Trainerbank wie auch im Auftreten insgesamt. Doch bis zu einer derart abgehobenen Position mitten im trügerisch windstillen Auge des Sturms hatte der, dessen bisheriges (Trainer-)Leben hier zu Buche schlägt, eine Menge an Wegen, Umwegen zu gehen sowie kleinere und größere Leidensgeschichten durchzumachen.

Hitzfeld entstammt einer Familie, die auf eine über 300 Jahre lange Lehrertradition zurückblickt. Nur sein Vater war Zahnarzt. Namen und Familienwappen-Sprüche erklären oft vieles. Ein Nikolaus Harnoncourt entstammt dem Geschlecht derer von Unverzagt - in solcher Manier hat er die musikalische Klangrede im letzten halben Jahrhundert (mit-)revolutioniert. Das aus 1715 stammende Motto der Hitzfelds lautet: "Sei gerecht ohne Rücksicht." Doch selbst mit einem derart unerschrockenen Sager in der Hinterhand, muss jeder von vorne, also klein und verwundbar beginnen. Die hauptsächlichen Probleme des jungen Ottmar: Heimweh bei jeder sich bietenden Gelegenheit sowie eine Sprachschwäche, die aber auf dem grünen Rasen wie weggeblasen war. Drei Sätze über diese Entwicklungsjahre eines hoch begabten jungen Menschen zeichnen ein im Wortsinn zukünftiges Bild vom weiteren Weg des jungen Mannes: "Mit dem Ball am Fuß fühlte er sich stark. Der Rasen war sein Element, der Ball im gegnerischen Tor sein Ziel. Von 1960 bis 1963 schoss Ottmar für die C-Jugend Stetten in 63 Spielen 132 Tore."

Fakten, Fakten also, aber auch die für das einfache (Fußball-)Spiel ebenso notwendigen wie typischen simplen Voraussetzungen, um nicht nur am Ball zu bleiben, sondern ihn entschlossen dorthin zu befördern, wo er sein Zuhause hat - im gegnerischen Kasten. Doch die Widerstände lauern oft abseits vom klar abgesteckten Rasengeviert. Den Aufenthalt im Missionsgymnasium - Endziel: Priesterberuf - würgt er mit einem Heimwehanfall geschickt und erfolgreich ab. Trotz begonnener Karriere schließt er, Tradition verpflichtet, die Pädak mit dem Mathematik- und Sportexamen ab. Der Rest . . . die 70er-, 80er- und 90er-Jahre . . . ist deutsch-schweizerische Fußballgeschichte. Stationen seiner Spieler- und Trainerlaufbahn sind u. a. Lörrach, Basel, Stuttgart, Zürich, Dortmund. 1998 landet er schließlich dort, wo er, bedenkt man das klerikal-konservative Umfeld und das Erfolg-um-fast-jeden-Preis-haben-Müssen, am besten hinpasst: bei den Münchner Bayern.

Der Leser und der mit Statistiken etwas anzufangen wissenden Fan bekommt aus der Feder des Hitzfeld seit längerem nahe stehenden Pfarrers Josef Hochstrasser das Nötige serviert. Angenehm, dass mit Fotos haushälterisch umgegangen wird. Die Pop-Sportart Fußball ist mitsamt ihren Oberflächlichkeiten ohnehin über Gebühr mit Bildern zugepflastert. Hochlöblich, dass der Autor auf die astrologische Kombination des Helden erklärenderweise eingeht. Der Steinbock Hitzfeld ist mit einem Krebs-Aszendenten konfrontiert. Das heißt, auf der einen Seite der hart, ja verbissen arbeitende erfolgsorientierte Steinbock und auf der anderen der in gesellschaftlichem Umgang ebenso wie in der Kunst einfühlsam und feinsinnig vorgehende Krebs. Nicht zufällig also das Credo des kickenden Pädagogen O. H.: "Der Erfolg hängt von der Qualität der Beziehungen in der Truppe ab." Früher, in psychologisch etwas holzgeschnitzteren Zeiten, hieß das einfach auf gut Sepp Herbergerisch: "Elf Freunde müsst ihr sein."

Da heute niemand mehr um ein, sondern um Millionen Butterbrote spielt, ist die mangelnde Freundschaft samt Sprachschwierigkeiten innerhalb der Legionärstruppen das zu beseitigende Hauptproblem für den bestbezahlten Alleinverantwortlichen an der Outlinie. Resümee: Wir empfehlen das gut geschriebene Porträt eines äußerst erfolgreich arbeitenden Menschen, der den Ritt auf der Erfolgswelle nicht gepachtet hat, sondern "nur" mit Leib und Seele vorgibt und lebt. Mehr kann der Fußballfan mit Ansprüchen nach Fever Pitch kaum verlangen. Jetzt müsst' man halt nur noch Bayern-Fan sein . . . (DER STANDARD, Album 26./27. 04.2003)

Reinhold Aumaier ist Autor (unter anderm des Match-Tage-Buchs "Rapid, Rapid") und Musiker. Er lebt in Wien. Am 28.4 um 19 Uhr wird er in der Alten Schmiede (Schönlaterngasse 9, 1010 Wien) unterstützt von Clemens Salesny (Saxophon, Bassklarinette) ein literarisches Selbstportrait präsentieren.

Josef Hochstrasser, Ottmar Hitzfeld. Die Biographie. 20,50 €/350 Seiten, Argon, Berlin 2003.
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    Ottmar Hitzfeld

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