Abschied von der AG?

2. Mai 2003, 19:01
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Vom "Glücksgefühl, wie beim ersten Sex" zum seriösen Rückzug in Zeiten der Flaute - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Zwei Jahre ist es her: Ted Turner sprach beim Merger von AOL mit Time Warner vom "Glücksgefühl, wie beim ersten Sex".

Pixelpark war so viel Wert wie Continental, die HypoVereinsbank 15-mal die Erste Bank und Worldcom das Zehnfache aller ATX-Unternehmen; die Wiener Börse wurde als Provinzbörse belächelt und der Neue Markt als Raketenrampe für tolle IPOs gepriesen.

Die wilden Neunziger

Heute wird sich Ted Turner fragen, ob er geblendet war - so wie bei der ersten Liebe: Pixelpark ist ein Hundertstel von Continental, die Erste ist so viel Wert wie die HVB und Worldcom Pleite; wir lieben die Wiener Börse, und der Neue Markt geht uns nicht ab. Die wilden Neunziger haben ihre Kinder gefressen.

Kein Wunder daher, dass immer mehr Unternehmen - so wie unlängst Hilti oder Rolf Benz - flugs vom Börsenparkett entschwinden. "Delisting", "Going private" oder "P2P" (Public to private) heißen die Schlagwörter.

In Boomzeiten viel Kapital einsammeln, in der Flaute wieder eigene Anteile günstig zurückkaufen - das ärgert die Anleger zu Recht, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es genügend seriöse Gründe für den Rückzug gibt: unzureichende Marktkapitalisierung, hohe Publizitätskosten, mangelndes Verständnis durch Analysten und dadurch verzerrte Bewertungen. Gerade zum Höhepunkt des Hypes gab es daher die meisten P2P-Transaktionen - fast doppelt so viele wie heute.

Keine Kurzatmigkeit

"AG ade", sagen die Börsenflüchtlinge. Sie wollen Strategien und nicht mehr "Equity Stories" umsetzen und ohne Analystendruck ihre langfristigen Ziele verwirklichen. So auch Porsche, dessen Vorstand gegen die Deutsche Börse geklagt hat: Abgesehen von den Quartalsberichten würden alle Kriterien für den Prime Standard erfüllt. Man will sich keine Kurzatmigkeit aufdrängen lassen.

Unternehmen wie IKEA, ALDI, Tchibo, Würth oder Bechtel haben solche Probleme nicht. Volle Kontrolle über das eigene Schicksal, die langfristige Perspektive beim Aufbau neuer Geschäfte und Märkte, kein Einblick für Dritte in die eigenen Kostenstrukturen sowie größere Identifikation der Mitarbeiter mit Unternehmen und Unternehmer sind wesentliche Vorteile für zahlreiche "Hidden Champions".

Düstere Alternativen

Sollten wir daher stolz darauf sein, dass Österreich im internationalen Vergleich die prozentual geringste Marktkapitalisierung hat? Nein, denn es gibt viele Investitions-und F&E-intensive Sektoren, in denen börsennotierte Unternehmen Vorteile haben. Außerdem gibt es Hinweise dafür, dass börsennotierte Unternehmen aufgrund der größeren Professionalität und Transparenz besser performen - selbst Cargill, die größte Privatfirma der Welt, ist in den USA beim Umsatz die Nummer 19, aber nicht unter den Top 100 beim Ertrag.

Auch sieht es in Österreich mit Finanzierungsalternativen für Privatunternehmen düster aus: Wir sind das Schlusslicht bei Venture Capital und Private Equity, und das Thema Rating ist für viele noch ein rotes Tuch. Die Frage lautet also nicht, Public oder Private, sondern mehr Public und Private.

Daher müssen wir Finanzierungsbedingungen schaffen, unter denen sich Privatunternehmen besser entwickeln können und sich mehr von ihnen ins Rampenlicht trauen, ohne kurzsichtig zu werden.

Nachlese

->Die Geheimnisse des Phoenix
->Siegen à la Alinghi
->Anleitung zum Glücklichsein
->Die Suche nach dem Mehr
->Lust auf Leistung
->Eine doppelte Melange
->Sei willkommen Krise?
->"Denk' ich an Deutschland..."
->Gegen die Endzeit-Stimmung

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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    montage: derstandard.at
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