Der alltägliche Schrecken

25. April 2003, 21:04
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Alice Sebolds fragile Balance zwischen Kitsch und Alptraum

Susie, vierzehn, wird von einem netten unauffälligen Nachbarn, vergewaltigt, ermordet und zerstückelt. Ihre Seele gelangt in eine Art Himmel, von wo sie die Ereignisse nach ihrem Tode beobachtet und kommentiert.

Der Plot ist gewagt, aber die amerikanische Autorin hat mit ihrem Debütroman wahre Begeisterungsstürme ausgelöst. In Interviews hat Alice Sebold berichtet, dass es ihr bei diesem Buch auch darum ging, ihr eigenes Trauma als Vergewaltigungsopfer zu bearbeiten. Sie selbst hat es fertiggebracht, ihren Vergewaltiger später anzuzeigen und den Prozess durchzustehen. Die Reaktionen ihrer Umgebung auf das was ihr widerfahren ist, waren meist wenig hilfreich. Zwar erweisen sich für die traumatisierten Opfer entsprechende Erfahrungsberichte oft als sehr entlastend, das bedeutet aber noch lange nicht, dass aus dem Selbstilfeversuch des Autors eine literarische Relevanz abgeleitet werden kann. Alice Sebold ist es immerhin gelungen, ihre eigene grauenhafte Erfahrung so zu transformieren, dass aus der zu dokumentierenden Realität eine größere Wahrheit wird. Sie kann das mit einer präzisen, eisklaren Beobachtung, überraschendem, brutalen Sarkasmus und nicht selten auch mit einer ordentlichen Portion Kitsch. Worum es geht, ist nicht primär Rache am Täter sondern die Frage, wie eine Familie mit so einem einschneidenden Ereignis weiterlebt.

Susies Mutter betäubt sich kurzfristig mit Sex und verlässt dann Ehemann, Tochter und Sohn. Der Vater steckt in seiner unartikulierbaren Trauer fest bis er einen Herzinfarkt bekommt, Susies Schwester, die die Familie zusammenzuhalten versucht entwickelt sich zu einer starken Frau. Und Susie will posthum die Geschichte ihrer Familie erzählen: "Denn der Schrecken auf Erden ist real, er ist alltäglich." Susies Himmel scheint eine Art Zwischenstation zu sein; es ist ein recht banaler Ort. Mit Park und Hunden und spielenden Kindern und Beraterinnen für die neu Hinzukommenden. Die gewaltsam in den Himmel beförderten Seelen nehmen Anteil am Leben auf Erden. Und solange sie das tun, sich noch nicht von ihrem irdischen Sein getrennt haben, scheinen sie auch in diesem seltsam lauen Vorhimmel zu verweilen.

Alle, die ein nahes Verhältnis zu Susie hatten, meinen manchmal, ihre Gegenwart zu spüren, sie flüchtig zu sehen. Und tatsächlich versucht Susie, sich ins irdische Leben einzuklinken, das zu erleben, was ihr zu erleben nicht mehr vergönnt war. Die Freunden der Teenager, die erste Liebe, alles was sie versäumt hat, alles das will sie noch erfahren, erspüren, bevor sie loslassen kann. Dazu ist allerhand esoterisches Vokabular nötig, das sich mit leicht fasslicher, kalifornisch angehauchter Psychologie vermengt. Der Witz und die sicher hart erkämpfte Distanz der Autorin sind beeindruckend, - und die allgemeinen Lobeshymnen ein klein wenig übertrieben. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.4.2003)

Von Ingeborg Sperl

  • Alice SeboldIn meinem Himmel.Aus dem Amerikanischen von Almuth Carstens€ 22,60/381 Seiten. Manhattan, München 2003.

    Alice Sebold
    In meinem Himmel.
    Aus dem Amerikanischen von Almuth Carstens
    € 22,60/381 Seiten.
    Manhattan, München 2003.

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