Rosi soll ihr Wohnzimmer räumen

25. April 2003, 19:22
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Stadt Bregenz will den Container einer obdachlosen Frau schleifen

Bregenz - Die Rosi gehört zum Bregenzer Stadtbild. In zuckerlfarbenen Leggings und kessen Miniröcken, immer mit mehreren Plastiktaschen bepackt, zieht die 62-jährige Frau durch die Straßen. Ist sie gut gelaunt, singt die Rosi alte Schlager von der Liebe, bei schlechter Stimmung schimpft sie in allen Tonlagen und nicht ganz jugendfrei.

Rosi lebt auf der Straße. Sie zählt zu jenen Menschen, die nicht "wohnfähig" sind, sich keiner Hausgemeinschaft anpassen können. "Ihr Wohnzimmer ist der Leutbühel", sagt Michael Stockreiter, Leiter der städtischen Sozialabteilung. Rosis Schlafzimmer ist ein Container hinter dem Jugendhaus.

Blauer Kasten für den Winter

Die kalten Wintermonate über durfte sie den blauen Kasten exklusiv benutzen, Ende April soll die Frau wieder ausziehen und ins städtische Asyl übersiedeln. "Nicht menschenwürdig" sei die Sommerhitze im Container, sorgt sich Mediziner Stockreiter um Rosis Kreislauf. Außerdem sei der Standort hinter dem Jugendhaus unpassend. Zwischen Rosis Freunden und den Jugendlichen käme es oft zu Streitereien.

Karin Fussenegger, Sozialarbeiterin beim Dowas, einer Beratungsstelle für Wohnungs- und Arbeitssuchende, und Rosis Betreuerin, versteht den Einwand und plädiert für die Suche nach einem geeigneteren Containerstandort. Michael Stockreiter winkt ab: "Wir haben keinen wirklich vernünftigen Platz." Außerdem sei die Containerlösung mit 200 Euro pro Monat plus WC und Strom "relativ teuer" und nur im Winter vertretbar. Den Sonderstatus verdanke Rosi ihrer Bekanntheit. "Es gibt eine Art Liebesbeziehung zwischen Rosi und der Öffentlichkeit."

Rosi zwischen Container und Asyl "herumzuschupfen" sei keine Lösung, kritisiert Dowas-Geschäftsführerin Laura Bono: "Das Asyl ist nur eine Übernachtungsmöglichkeit, als Dauerlösung wäre es eine Zumutung." Für Rosi sei der Container zum Zuhause geworden, durch ihn habe die unstete Frau Stabilität gefunden. Bonos Bitte an die Stadt: "Wir sollten gemeinsam nach einer Lösung suchen." (jub, DER STANDARD Printausgabe 26/27.4.2003)

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