Plastikflaschenpost aus dem Pazifik

19. August 2010, 20:47
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Der US-Künstler Chris Jordan baut Müllstatistiken zu Bildern um

Sein ökologisches Sendungsbewusstsein kann und will Chris Jordan nicht abstreiten. Mit seiner Fotoserie Intolerable Beauty begab er sich erstmals 2003 auf die Spuren des amerikanischen Konsumverhaltens. In Hafen- und Industrieanlagen hielt er den dort zwischengelagerten Elektroschrott in seiner ästhetischen Struktur fest.

Dann kam der Wirbelsturm "Katrina". Im Katastrophengebiet rund um New Orleans dokumentierte der Fotograf die Überreste von Häusern und deren verstreutes Inventar. Dieses "Porträt des Verlusts" stellte Jordan abermals in den Kontext des Massenkonsums. "Katrina" sei ein unnatürliches Desaster gewesen, in seinen Ausmaßen auf die globale Erwärmung zurückzuführen. Im dazu erschienenen Bildband "In Katrina's Wake" kamen die renommierten Umweltjournalisten Bill McKibben und Susan Zakin zu Wort.

Fotografieren nach Zahlen, so könnte man salopp die Richtung beschreiben, die Jordan danach einschlug. Während sich die Thematik seiner Bilder nicht änderte, fanden diese in der Serie "Running the Numbers" zu einer neuen formalen Ordnung. Die Statistik hielt Einzug, Zahlen wurden zum Ausgangspunkt für Collagen.

Jordan baute aus einzelnen Müllteilen bekannte Sujets nach, eine Ästhetisierung, die im Herantreten an die großformatigen Bilder demontiert wird. Geoges Seurats "Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Chatte" rekonstruierte Jordan etwa mit 106.000 Getränkedosen, jener Menge, die in den Vereinigten Staaten alle 30 Sekunden verwendet wird.

Welle aus Abfall

Die Ars Electronica zeigt nun in der ehemaligen Linzer Tabakfabrik Jordans jüngste Arbeiten, die sich dem Abfall in den Weltmeeren widmen. Aus 2,4 Millionen kleinen Plastikteilen wird das Bild einer überschwappenden Welle. Die Zahl entspricht den Tonnen an Plastikmüll, die stündlich in die Weltmeere gelangen.

Die Teile dafür sammelte Jordan im Pazifik, wo zwischen Hawaii und Kalifornien ein riesiger Müllstrudel seine Kreise zieht. Angetrieben vom Nordpazifischen Wirbel (North Pacific Gyre), soll er mittlerweile die Größe von Texas erreicht haben. In ihm schwimmen Reste von Plastikflaschen, Einwegrasierern, Feuerzeugen und Verpackungsmaterialien, die unter der Einwirkung von Sonne und Wasser zu kleinen Teilen verrieben werden und so in die Nahrungskette von Fischen und Vögeln gelangen.

Betroffen sind vor allem die Albatrosse, die an den nordwestlichen Ausläufern der hawaiianischen Inselgruppe, auf den Midland Islands ihr Brutgebiet haben. Die Vögel füttern ihre Küken mit den kleinen Plastikteilen, der Nachwuchs verhungert mit gefüllten Bäuchen. In den Sechzigerjahren wurden Forscher erstmals auf dieses Phänomen aufmerksam, damals waren rund 40 Prozent der untersuchten Vögel betroffen, heute sind es bereits 98 Prozent.

Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen, Unep, stirbt jährlich weltweit eine Million Seevögel an den Folgen ihrer Plastiknahrung, Zahlen, die Chris Jordan nicht mehr in statistisch konnotierte Bilder verpackt, nicht mehr zu großen Tableaus der kleinen Details arrangiert. Ohne Verfremdung, Vervielfältigung oder Montage fotografiert er sezierte Albatros-Küken mit deren Mageninhalt. (wos / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.8.2010)

 

  • Der Konsumgesellschaft wird der Spiegel vorgehalten: Jährlich stirbt eine Million Seevögel durch "Plastiknahrung"
    foto: chris jordan

    Der Konsumgesellschaft wird der Spiegel vorgehalten: Jährlich stirbt eine Million Seevögel durch "Plastiknahrung"

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