Auf Spurensuche zur Rettung der Welt

19. August 2010, 20:20
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Als Experiment suchen Künstler und Wissenschafter in der leerstehende Linzer Tabakfabrik Auswege aus der Krise

...der auch die Fabrik selbst zum Opfer gefallen ist.

Der Ort hat eine Symbolkraft, der man sich nicht entziehen konnte: die 2009 zugedrehte "Tschickbude" in Linz, die Opfer der Wirtschaftskrise wurde und nun brachliegt. Ein Ort für die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Zustand unserer Gesellschaft, wie ihn sich die Festivalmacher, Gerfried Stocker und Christine Schöpf, "nicht besser wünschen können". Das leerstehende Industriegebäude mache das Thema des Ars-Electronica-Festivals 2010 (2. bis 11. September) in der Stadt sichtbar: "Repair - Sind wir noch zu retten?"

Die Fabrik kann als ein Mahnmal dahingehend betrachtet werden, dass "points of no return" bereits überschritten wurden. Ob Weltwirtschaftskrise, Klimawandel oder Überwachungsgesellschaft - es gibt kein Zurück mehr. Die Gesellschaft steckt bereits mitten drin. Das internationale Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft will sich dieses Jahr auf die Suche nach Auswegen machen.

Eine Reparatur soll aber nicht als Zurückversetzen in einen ursprünglichen Zustand verstanden werden, sondern als Neustart. Die Menschheit müsse dort weitermachen, wo sie stehe - allerdings mit dem Mut, Verhaltensweisen an ihrer Wurzel zu ändern, so der Gedanke hinter dem diesjährigen Leitmotiv. Reparieren bedeute demnach regenerieren, heilen und "ist die Zukunft", heißt die optimistische Annahme, dass wir noch zu retten sind.

So entstand mit der Schließung der "Tschickbude" mitten in Linz eine Fläche von 80.000 Quadratmetern, die jetzt auf eine neue Nutzung und damit Chance wartet. Mittlerweile ist die ehemalige Tabakfabrik im Eigentum der Stadt Linz, eine eigene Entwicklungs- und Betriebsgesellschaft soll ein Konzept für die künftige Nutzung erarbeiten.

Eine "Keimzelle neuer Zukünfte der Stadt" soll sie für neun Tage Anfang September sein. "Ein Testballon in jeder Hinsicht", wie Stocker zugibt. Es seien zwar Strom- und Netzwerkanschlüsse vorhanden, aber die Umstellung auf WLAN sei dennoch eine Herausforderung. Dafür würde das Werk aber über eine funktionierende Rohrpostanlage verfügen. "Ich bin schon sehr gespannt, was Künstler daraus machen," zeigt sich Stocker gespannt.

Das Festival-Programm gliedert sich thematisch in sieben Kapitel:

  •  Repair the Environment: Green Technologies, E-Mobility und Nachhaltigkeit lauten die Schlagwörter, um das Schlimmste von unserem Planeten abzuwenden.
  •  Design for Repair: Do it yourself statt Massenware von der Stange - neue Wege, um unseren biologischen Fußabdruck möglichst klein zu halten.
  •  New York Factory: Freiräume für Kreativität und Entfaltung der eignen Persönlichkeit - wie kommen wir dieser Utopie näher?
  •  Repair our Society: Beiträge für eine gerechtere Gesellschaft.
  •  Overtures-ZeitRäume: Ethik in Zeiten der globalen Finanzkrise.
  •  Repair Yourself: Reparieren des eigenen Körpers.
  •  Future Factory: Auswirkungen der zunehmenden Technologisierung auf das alltägliche Leben

(Kerstin Scheller / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.8.2010)

 

Reparieren in der Linzer "Tschickbude"
Temporärer Paarlauf von Medienkunst und denkmalgeschützter Industriearchitektur

Es ist der Geruch, der für einen Moment vergessen lässt, dass hier die Maschinen seit September 2009 still stehen und die letzten Arbeiter längst abgezogen sind. Süßlicher Tabakgeruch erfüllt die leeren Lagerräume und hält die Erinnerung an ein einzigartiges Stück Linzer Industriegeschichte aufrecht. Der Faszination dieses denkmalgeschützten Baus ist auch das Team des Ars Electronica-Festivals erlegen. Von 2. bis 11. September werden die Veranstaltungen der "Ars" dem geschichtsträchtigen Gebäude neues Leben einhauchen.

1850 beginnt die Österreichische Tabakregie Zigarren, Rauch- und Kautabak in Linz zu produzieren. Erst nutzt man Leerstände der Wollzeugfabrik, dann werden auf der angrenzenden Liegenschaft neue Fabriksgebäude errichtet. Schritt für Schritt wird nun die Produktion gesteigert. Die Zahl der Beschäftigten steigt schnell und beläuft sich 1855 bereits auf mehr als 1.000 Mitarbeiterinnen. Die Linzer Tabakfabrik, von vielen auch liebevoll "Tschickbude" genannt, stammt in ihrer heutigen Form aus den 1930er Jahren und zählt zu den bedeutendsten Beispielen der Industriearchitektur in Österreich. Sie ist der letzte große Fabriksbau des deutschen Design-Vorreiters Peter Behrens, der sie gemeinsam mit seinem ehemaligen Schüler Alexander Popp plante. Das Projekt kostete damals rund 25 Millionen Schilling.

"Graben uns nicht ein"

Der sechsgeschossige, 227 Meter lange und 16,5 Meter breite Haupttrakt für die Zigarettenproduktion wird von einem rund 3.000 Tonnen schweren Stahlgerippe getragen und folgt dem geschwungenen Umriss des Grundstücks. Architektonisch besticht der Bau vor allem durch klare Formen, die fließenden Linien aus blau-grünen Fenster- und weißen Mauerbändern prägen den Gesamteindruck. Die dazugehörige Pfeifentabakfabrik an der Donaulände ist niedriger, passt sich in der Gestaltung aber dem Hauptgebäude gut an. 1982 entstand ein weiterer Komplex, der Verwaltung, Lager und Verpackung beherbergte.

2009 dann, nach fast 160 Jahren, das jähe Ende: Die Tabakfabrik wird geschlossen. 300 Menschen verloren ihren Arbeitsplatz, die Tschickbude ihre jahrzehntelange Aufgabe. Nach längeren Diskussionen erwarb die Stadt die wertvolle Immobilie in zentraler Lage. Was aus dem denkmalgeschützten Areal mit insgesamt 80.000 Quadratmetern Nutzfläche einmal entehen wird, daran arbeitet gerade eine Entwicklungs-und Betriebsgesellschaft.

Für Gerfried Stocker, Leiter des Festivals, ist der Ausflug in die Tabakfabrik ein "Experiment". Denn bis auf eine intakte Infrastruktur fehle alles. "Wir müssen ja jeden Sessel selbst hier hereintragen". Um so erleichterter war er, dass die Festival-Partner, die Linzer Veranstaltungsgesellschaft LIVA, das Offene Kulturhaus Oberösterreich (OK) und die Kunstuniversität, die Übersiedelung mitmachten. Dennoch bleibe das Festival in der "Tschickbude" eine "Eintagsfliege": "Wir werden uns sicher nicht auf Dauer hier eingraben. Wenn wir es geschafft haben, dieses Areal zu bespielen, sind wir wahrscheinlich froh, in unsere gemütlichen Häuser zurückzugehen. (mro / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.8.2010)

  • Das Projekt "Ocean of Light" erprobt, wie virtuelle Oberflächen auf Klänge und Geräusche reagieren.
 
    foto: squidsoup

    Das Projekt "Ocean of Light" erprobt, wie virtuelle Oberflächen auf Klänge und Geräusche reagieren.

     

  • Der letzte Tschick ist ausgedämpft, in den großen Hallen der Linzer 
Tabakfabrik rauchen jetzt die kreativen Köpfe der Künstler des Ars- 
Electronica- Festivals.
 
    foto: aec

    Der letzte Tschick ist ausgedämpft, in den großen Hallen der Linzer Tabakfabrik rauchen jetzt die kreativen Köpfe der Künstler des Ars- Electronica- Festivals.

     

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