Blut und Egel

19. August 2010, 18:45
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Die FPÖ hatte nie etwas zu bieten, was als sinnvoller Beitrag zur Wiener Kommunalpolitik gegolten hätte

Die rassistische Pathosformel vom Mut zu "unserem" Wiener Blut, mit der Strache sich in das Amt des Bürgermeisters von Wien zu fantasieren versucht, regt weniger auf, wenn man sie als Selbstermunterung auffasst, die politische Rolle seines im Geiste mitplakatierten Idols als Blutegel am Körper der Gesellschaft zu übernehmen. Das mag keine juristische Zusammenfassung der seit Jahren vermuteten und in den letzten Wochen offenbar gewordenen Sachverhalte sein, eine funktionale immerhin. Der von Jörg Haiders inspirierender Führung, Grassers ministerieller Duldung und vom intensiven Wegschauen der Schüssel-Riege begleitete Masterplan, bei der Enteignung des Staates per Privatisierung kräftig abzuzocken, bezeugt eine ähnliche Selbstfreistellung von sozialem Gewissen, die man auch bei animalischen Schröpfköpfen voraussetzen darf.

Man sollte daher dem FPÖ-Generalsekretär, der sich als Organisator dieses plakativen Eigenblutdopings berühmt, lieber dankbar sein, statt die Selbstverständlichkeit zu wiederholen, es handle sich dabei um miese Ausländerhetze beziehungsweise Nazijargon. Wenn gebürtige Kärntner einmal anfangen, sich als Bewahrer "unseres" Wiener Blutes aufzuspielen, liegt derlei in der Luft. Und er kann einfach nicht anders, als aufklärend zu wirken, indem er die Kluft sichtbar macht, die zwischen dem Anspruch auf die Zuneigung der Wiener und der blau-orangen Wirklichkeit klafft - etwa durch den ergänzenden Slogan "Zu viel Fremdes tut niemandem gut". Das mag vielleicht allgemein moralisch im Hinblick auf das Ende aller Tage gelten, nicht aber für das Vorbild, zu dem in Treue zu stehen sie noch immer für Ehre halten. Zu viel fremdes Geld von muslimischen Diktatoren konnte es für Haider gar nicht gewesen sein, während seine Adepten in - warum nicht, wenn es gerade passt - plötzlich erblühter Christlichkeit daham eifrig den Islam bekämpften. Wenn jene nur zahlten, machte er für sie sogar im Fernsehen Propaganda, aber nicht im heimischen - prinzipientreu, wie er war.

Er hätte durchaus auch mehr Fremdes mit der österreichischen Staatsbürgerschaft überzogen, wenn es sich nur um gut zahlende Fremdkörper, egal welcher Provenienz, gehandelt hätte, übrigens wieder mit Beihilfe der schwarzen Regierungsfraktion. Für ihn konnte es gar nicht genug Fremdes sein, die amerikanische Ostküste einmal ausgenommen. Und wenn es per Arisierung entfremdet war, hatte er auch nichts dagegen. Er hat prächtig davon gelebt, privat und politisch, und wäre er noch am Leben, fast müsste man annehmen, der fremdenfeindliche Übereifer seiner Wiener Anbeter wäre ihm, dem nichts zu peinlich war, im Lichte neuerer Erkenntnisse doch ein wenig übertrieben erschienen.

Die FPÖ hatte nie etwas zu bieten, was als sinnvoller Beitrag zur Wiener Kommunalpolitik gegolten hätte. Daher das ewige Ableiern des Themas Fremdenfeindlichkeit. Strache lässt sich als Wiedergänger Jörg Haiders plakatieren, selbst dann noch, wenn dieser das Spiel mit dem blutsfremden Ausländer durch seine Geschäftspraxis längst desavouiert hat. Einst Blut und Ehre - jetzt nur noch Blut und Egel. (Günter Traxler, DER STANDARD, Printausgabe, 20.8.2010)

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