Mehr Konkurrenz auf deutschen Schienen

19. August 2010, 17:28
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Privatanbieter jagen der Deutschen Bahn im Regionalverkehr immer mehr Kunden ab

Wernigerode ist eine putzige kleine Fachwerkstadt im Harz und bei Berlinern für Wochenendtrips beliebt. Gut drei Stunden Zugfahrt, und man ist vor Ort. Die Bahnreise dorthin ist auch eine bunte: Zunächst geht es mit dem roten Regionalzug der Deutschen Bahn bis Magdeburg, danach mit dem blau-gelben HEX (Harz-Berlin-Express) bis Wernigerode.

Der HEX wird nicht von der Deutschen Bahn betrieben, sondern von Veolia-Verkehr, der größten deutschen Privatbahn. Auf deren Wagons trifft man überall in Deutschland. In Schleswig-Holstein etwa düst die Nord-Ostsee-Bahn von Kiel nach Husum, im Süden die Bayerische Oberlandbahn (BOB) von München an den Tegernsee. Und es gibt noch viel mehr Privatbahnen in Deutschland - oder "nichtbundeseigene Eisenbahnen" , wie sie korrekt heißen, insgesamt 320.

Vor 16 Jahren war das noch anders. Wer mit dem Zug von A nach B gelangen wollte, nahm die Deutsche Bahn. Verkehrsverträge im Regionalverkehr wurden meist direkt an den Staatsmonopolisten vergeben. Kleine Bahnen fristeten auf unbedeutenden Nebenstrecken ein Schattendasein.

Das begann sich 1994 mit der Bahnreform zu ändern. Damals wurde der Markt auch für Privatbahnen geöffnet. Aber aller Anfang ist schwer. Es gab nicht genug Lokomotiven, es mangelte auch an Personen- und Güterzügen.

Mittlerweile jedoch haben die Privaten stark aufgeholt. Im Regionalverkehr konnten sie 20,3 Prozent des Marktanteils erobern - auf Kosten der Deutschen Bahn. Die geht bei der Subvention des Nahverkehrs durch die Länder (6,8 Milliarden Euro jährlich) immer öfter leer aus.

Mehr Wettbewerb

"Wir begrüßen die Öffnung, da sie den Kunden mehr Wettbewerb gebracht hat. Viele Tagesverbindungen wurden besser" , sagt Barbara Mauersberg von der "Allianz pro Schiene" . Als Musterknabe Privatbahnen gilt die Regiobahn in Nordrhein-Westfalen, die seit 1998 auf der Strecke Kaarst-Mettmann ein Plus von 3790 Prozent einfuhr. Zuvor hatte es Pläne für eine Stilllegung gegeben.

Das Bemühen um einen attraktiveren Regionalverkehr (bessere Taktung, moderne Züge) hat aber auch eine Kehrseite. Da Trassenpreise und Infrastrukturkosten für alle Wettbewerber gleich hoch sind, wird vor allem beim Personal gespart. Lokführer der Privatbahnen verdienen im Schnitt 20 Prozent weniger als ihre Kollegen bei der Deutschen Bahn. Bis heute gibt es in Deutschland keinen einheitlichen Branchentarif.

Im Fernverkehr hingegen, wo die Preisgestaltung frei ist und es keine staatlichen Subventionen gibt, hat die Deutsche Bahn kaum Konkurrenz. Bloß auf drei Strecken im Osten fahren private Anbieter. Das wird sich auch so schnell nicht ändern. Die französische Staatsbahn SNCF, die ab 2015 Fernverbindungen in Deutschland anbieten wollte, hat ihre Ambitionen zurückgestellt. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 20.8.2010)

 

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