Der große alte Bruder vom Bosporus

19. August 2010, 17:15
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Mit wirtschaftlichen Investitionen und politischer Vermittlung etabliert sich die Türkei als "weiche Macht" auf dem Balkan

Nicht alle sind froh darüber.

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Zur Eröffnung der Stari Most in der zentralbosnischen Stadt Konjic kamen nicht nur ein türkisches Militärorchester, sondern auch Derwische aus der türkischen Stadt Konya. Auch der türkische Minister für Religion und Dialog reiste Mitte Juni diesen Jahres an, um den Wiederaufbau der osmanischen Brücke, die von der deutschen Wehrmacht 1945 vernichtet worden war, zu feiern. Ankara hatte für das ursprünglich 1682 von Sultan Mehmed IV. errichtete Bauwerk 2,7 Mio. Euro zur Verfügung gestellt.

"Die Türken reiten wieder" , schimpften ein paar kroatische Nationalisten, während die meisten Bosnier das 108 Meter lange und 5,25 Meter breite Bauwerk bestaunten. Ankara hat nicht nur die Brücke in Konjic restauriert, sondern auch für jene in Mostar und Višegrad finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt. Die Strategie der Türkei: Auf die kulturelle Hilfe folgt die Wirtschaftsinvestition. In den vergangenen Jahren restaurierte die Türkei nicht nur Brücken und Moscheen aus osmanischer Zeit auf dem Balkan. Türkische Mäzene investierten in die Ausbildung der Südosteuropäer, in Krankenhäuser und die Wasserversorgung. Zu den größten türkischen Infrastrukturprojekten gehören die Autobahnen in Albanien, im Kosovo und in Serbien und der Einstieg bei der bosnischen und serbischen Airline.

Das wirtschaftliche Engagement ist wiederum die Grundlage für die immer stärkere diplomatische und politische Positionierung der Türkei in der Region. Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu betont dabei, dass die Türkei selbst Teil der Balkanregion war. Man will nicht als Führungsnation wahrgenommen werden, aber die Türkei wolle die Verhältnisse in der Region "formen" , so Davutoglu. Und das tut sie.

Die Grundlage dafür, dass die Türkei vermehrt als Vermittler auf dem Balkan akzeptiert wird, ist historisch gesehen ein kleines Wunder: Ankara hat es geschafft, das Verhältnis zu Serbien so zu verbessern, dass sogar von einer Liebesbeziehung die Rede ist. Beide Präsidenten betonten jüngst, dass Serbien und die Türkei noch niemals in der Geschichte ein derart gutes Einvernehmen hatten.

Erfrischend nüchtern

Serbien verweist dabei erfrischend nüchtern auf die lange Tradition der Osmanen auf dem Balkan. "Die Türkei genießt eine durch die Tradition bedingte Nähe" , sagt etwa der serbische Botschafter in Wien, Milovan Bozinović. "Serbien ist ein Land mit starken Traditionen aus der osmanischen Zeit, und wir betrachten das nicht als einen Verlust, sondern als eine wichtige Tatsache. Es gibt Menschen, die sich dieser Tradition nahe fühlen. Das respektieren die Serben." Außerdem sei Belgrad alles willkommen, was der Klimaverbesserung auf dem Balkan helfe, auch die Türkei.

Tatsächlich steht Bosnien im Mittelpunkt der türkischen Mediationsoffensive. Im April trafen einander die Präsidenten Bosniens, Serbiens und der Türkei in Istanbul. Der türkische Staatschef Abdullah Gül traf nur wenige Wochen später abermals auf sein serbisches Gegenüber Boris Tadić. Beide gedachten der 8000 durch bosnische Serben ermordeten Muslime in Srebrenica. Auch das war historisch.

Die Türkei etabliert sich als Soft Power in der Region. Das Rezept ist immer dasselbe: Investitionen und Respekt. Die türkische Brauerei Efes investiert in Serbien, es gibt türkische Teppichfabriken in Bosnien, in Albanien ist das Mobiltelefoniegeschäft fest in türkischer Hand. Die Türkei gewährt den Balkanstaaten Visafreiheit und Handelserleichterungen. Die bosnischen Muslime und die Albaner nehmen die Türkei ohnehin als Schutzmacht wahr. Die erste kosovarische Botschaft, die eröffnet wurde, war in Ankara. 90 Prozent der Konsumgüter im Kosovo kommen aus der Türkei.

Im Wiener Außenamt wird das größere Engagement der Türkei hingegen mit Vorsicht betrachtet. Ankara solle sich auf dem Balkan besser nicht "übernehmen" , ist da zu hören. Österreich ist eben auch einer der Hauptinvestoren auf dem Balkan. Beobachter aus der Region betrachten die Konkurrenz durchaus amüsiert und wundern sich zeitweise darüber, wie schnell die Österreicher mit Prinz Eugen argumentieren, wenn die Rede auf die Türkei kommt.

Die Türkei selbst beruft sich sehr zurückhaltend auf das osmanische Erbe. Auch der Islam wird nicht herausgestrichen. Vielmehr setzt man auf eine gemeinsame Zukunft in der EU. Das Engagement in Südosteuropa ist auch als Teil der türkischen Beitrittsbemühungen zu sehen. Als Serbiens Außenminister Vuk Jeremić sich jüngst bei Davutoglu für die Vermittlungen bedankte, sagte dieser lächelnd: "Balkanisierung wird in Zukunft Stabilisierung bedeuten." (Adelheid Wölfl/DER STANDARD, Printausgabe, 20.8.2010)

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    Die Türkei vermittelt zwischen Bosnien, Serbien und Kroatien. Der bosnische Staatspräsident Haris Silajdžic (links), der Vermittler, der türkische Staatschef Abdullah Gül und der serbische Staatspräsident Boris Tadić im April 2010 in Istanbul.

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