Eloquenz entlang der Stille

19. August 2010, 17:09
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Pianist Arcadi Volodos mit einem glänzenden Soloabend im Großen Festspielhaus

Salzburg - Es wäre nicht reizlos, einen Film zu drehen, der nur aus jenen Momenten bestünde, während deren Pianisten zum Klavier schreiten. Das Große Festspielhaus böte sich als Drehort ob seiner Ausmaße an. Hier konnte man eine kleine Ewigkeit lang studieren, dass Konzentration bei Grigory Sokolov etwa bedeutet, wie ein Ober zu wirken, der unter Protest einen kleinen Schwarzen serviert. Markantes auch bei Arcadi Volodos: Als würde er einen Trauerzug anführen, schreitet er gravitätisch-ernst zum Arbeitsplatz. Als würde er gleich noch eine schlechte Nachricht überbringen.

Eine erste wurde ja an diesem Festspielabend schon übermittelt. Chrystian Zimerman musste krankheitsbedingt absagen; Volodos sprang kurzfristig ein, wobei dies als schlechte Nachricht zu bezeichnen extrem unangebracht wäre. Fußballerisch ausgedrückt: Real Madrid fiel aus, also spielte eben Barcelona. Auch an dieser Fähigkeit, spontan für adäquaten Ersatz zu sorgen, erkennt man eben die Qualität eines sommerlichen Festivals. Volodos erwies sich - wie zu erwarten - dann als jener technische Alleskönner, bei dem Virtuosität nichts Vordergründiges hat, da sie im Ausdrucksdienst steht.

Er wirkt dabei wie ein Energiezentrum, in dessen Nähe jede Note zur Besonderheit aufblüht, wovon Werke profitieren, die man als "leicht" bezeichnen könnte - wie jene impressionistisch angehauchten stilisierten Folklorismen von Federico Mompou und Isaac Albeniz. Auch lässt sich keine interpretatorische Schieflage ausfindig machen. Farbspiele beherrscht Volodos ebenso wie eloquentes Charakterisieren von Linien. Sein sorgfältiger Umgang mit Einzelheiten macht dann auch Mompous Jeunes filles au jardin (aus Scènes d'enfants) zur jazzig-balladesken Kostbarkeit.

Am erstaunlichsten bleibt indes, wie Volodos mitunter entlang der Stille tänzelt und dabei keine Präsenzverluste in Kauf nehmen muss. Dieses poetische Flüstern und Rasen, besonders bei Schumanns Humoreske B-Dur op. 20 zelebriert, verkleinert quasi den großen Konzertraum zur intimen Musikstätte - in ihr dann aber auch (bei Schumanns Scherzino aus Faschingsschwank aus Wien op. 26) Ausflüge ins Verspielt-Ironische. Und nach dem Konzert der Beweis, dass Volodos auch (filmwürdig) zufrieden lachen kann. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 20.8.2010)

 

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    Der grandiose "Einspringer" Arcadi Volodos.

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