Krank sein vor Liebe, sterben wie blöd

19. August 2010, 17:02
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Matthias Hartmann nimmt in seiner "Phädra"-Inszenierung die Tragödie nicht mehr so ernst und übersteuert in Richtung Farce

Allen voran geht Sunnyi Melles mit grazil-schelmischem Furor.

Salzburg - Wer glaubt, ein Spielball der Götter zu sein, kann sich gern bei diesen beschweren. Es wird nur wie im Fall Phädras nicht viel helfen. Die Gattin des totgeglaubten Athener Königs Theseus möchte die Tatsache, dass sie sich unrettbar in ihren eigenen Stiefsohn Hippolytos verliebt hat, gern dem Verantwortungsbereich des Olymps abtreten. Mit geweiteten Augen erhebt sie (Sunnyi Melles) deshalb in Matthias Hartmanns Inszenierung alsbald das Messer gegen die Liebesgöttin Venus und stößt einen ihrer vielen wütenden Schmerzensschreie zum Himmel.

Dabei hat Jean Racine in seiner Nachdichtung des antiken Stoffes die Hybris dieses Familiendramas noch eingebremst und die bei Euripides und Seneca angedeutete Vergewaltigung Phädras gestrichen. Und auch deren Figur beschönigt: Beschließt Phädra ursprünglich selbst, Hippolytos der unrechtmäßigen Leidenschaft zu beschuldigen, so verschiebt Racine anno 1677 diese Intrige in den Bereich der Dienerschaft: Die Amme Önone (Therese Affolter mit emsiger Mimik) betätigt sich als verderbliche Einflüsterin. Sie ist es auch, die die von Phädra verschmähten Insignien, Krone und Szepter, achtsam aufhebt und mit ihnen genüssliche Schritte macht.

Aber alles der Reihe nach: Die von Schuld- und Liebesgefühlen gleichermaßen geschwächte Phädra erreicht geknickt die Bühne. Die überfürsorgliche Amme Önone spricht gar schon vom nahenden Tod. Dabei ist es vermutlich nur das gleißende Licht des Gottes Helios (Licht: Peter Bandl), das ihren Auftritt bescheint und das an ihre verhängnisvolle Herkunft erinnert: Über ihre Mutter Pasiphaë stammt Phädra vom Sonnengott Helios ab, der einst (er hat Aphrodite verpetzt) die Rache der Liebesgöttin auf sich und seine Abkömmlinge zog.

Atmosphäre des Mauschelns

Meeresrauschen dringt aus dem im Dunkel bleibenden Bühnenhintergrund. Und von dort spült eine als mächtige Schwingtür fungierende breitformatige Wand die Protagonisten immer wieder nach vorn ins Proszenium, wo sich der Großteil der Tragödie dann auch abspielt. In diesem abstrakten, in Anthrazit- und Weißtönen gehaltenen, flächigen Areal von Bühnenbildner Johannes Schütz leuchten die Schauspieler. Sie kommen aus den imaginären Hinterzimmern gelaufen oder stehen lauschend im "Türspalt" dieser an einer mittigen Achse sich drehenden Wand, oft sieht man in diesem "Türrahmen" nur die Füße hervorstehen. Das erzeugt auf einfache Weise eine Atmosphäre des Mauschelns, der Intrige, des Unehrlichen, an der entlang schließlich alles ins Verderben führt.

Vor diesem Hintergrund bringt Sunnyi Melles ihre immer leicht schwindlige und allmählich zur grazilen Furie werdende Phädra in Position. Im edlen Schlafmantel fühlt sie ihrem Liebesleid nach, fühlt so inbrünstig, dass die langen Perlenketten auf ihrem Körper zittern und sich ihre ziellos umherstreifenden Augen röten. Dabei steigert sich ihr mit zwingender Ernsthaftigkeit betriebenes Pathos manchmal ins Groteske, sodass man meinen möchte, Regisseur Matthias Hartmann sei mit seiner deutlich eingestrichenen Version einer gutbürgerlichen Ehefarce auf der Spur.

Eine kecke Tonart, die selbst nicht ganz ernst genommenen gestischen oder mimischen Überzeichnungen lesen sich oft - und mitunter auch freiwillig - komisch. Ein Hit: Das Liebesgeständnis Phädras und die damit einhergehende rasante, körperliche Begierde gegenüber Hippolytos, der sich den Avancen seiner Stiefmutter mit bedrückten Gesichtsausdrücken, verschlossenen Lippen und wiederverschlossenem Hosenschlitz höflichst entzieht.

Unbeholfene Jugend

Hippolytos liebt nämlich eine andere, Arikia (Sylvie Rohrer), leider Gottes eine Feindin der Familie, die am Hof in Gefangenschaft lebt, da ihre Verwandtschaft Ansprüche auf Theseus' Thron erhebt. Sylvie Rohrer verleiht ihr in wenigen sprachlichen Etüden die Entschlossenheit einer Unterdrückten und zugleich die Wärme einer Person mit gutem Gewissen. Und auch dieses Liebesgeständnis überantwortet Hartmann dem komischen Fach: Als jugendlich-unsouveräner Brillenträger steht dieser Hippolytos (Philipp Hauß) steif vor seiner Angebeteten und will ihr seine Liebe gestehen. Da helfen dann die choreografischen Ideen von Ismael Ivo weiter, der die Annäherung mit sachkundig ungelenken Verbiegungen steuert. Einfach süß.

Mit der unerwarteten Rückkehr Theseus' (statisch, aber innerlich heftig bewegt: Paulus Manker) verschärft sich die Lage schlagartig. Doch da kommt die Inszenierung mit ihrer komödienhaften Schlagseite auf keinen Tragödienboden mehr und drückt stattdessen auf die Tube. Der Selbstmord Önones und der Heldentod Hippolytos' wirken wie fremde Nachrichten (vorgebracht von Hans-Michael Rehberg als Theramenes). Und selbst Phädras Hinscheiden ist ein Witz für sich. (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Printausgabe, 20.8.2010)

 

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    Eine Ehe, die schlecht endet: Phädra (Sunnyi Melles) ringt angesichts ihrer außerehelichen Leidenschaften mit sich und ihrem überraschend heimgekehrten Gatten Theseus (Paulus Manker).

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