Love Parade: Protokoll des Desasters

19. August 2010, 13:17
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Einsatztagebuch offenbart Lücken in der Organisation: verspäteter Beginn, defekte Lautsprecher, überfordertes Ordnungspersonal

In internen Dokumenten des Duisburger Ordnungsamts ist nachzulesen, welche Ereignisse die Love Parade zur Katastrophe werden ließen. Dem Spiegel Online liegt nun jenes Einsatztagebuch vor, das bislang weitgehend unter Verschluss gehalten wurde.

Das 53 Seiten umfassende Dokument ist eine vertrauliche Anlage zu jenem Zwischenbericht, der Anfang des Monats an den nordrhein-westfälischen Landtag ging und mittlerweile auf zahlreichen Internetplattformen veröffentlicht wurde. Allerdings hatte, wie der Spiegel Online berichtet, „der Auszug aus dem internen "Einsatztagebuch" der Stadt Duisburg, der den Mitgliedern des Innenausschusses vorgelegt wurde, einen Schönheitsfehler: Das Protokoll, das die Ereignisse des 24. Juli minutengenau festhält, brach an einer entscheidenden Stelle abrupt ab - um 12.52 Uhr, noch bevor die Lage in Duisburg eskalierte."

Bis zu besagtem Zeitpunkt seien nur kleinere Probleme aufgetreten, wie fehlende Sichtschutzplanen an den Begrenzungszäunen des Veranstaltungsgeländes. Ein interessanter Eintrag findet sich um 9.10 Uhr: Eine Leitplanke an der Autobahn 59, die als Fluchtweg dienen sollte, war noch immer nicht abmontiert. Durch diese Verzögerung konnte das Gelände erst verspätet geöffnet werden, wodurch der Frust der heranströmenden Besucher stetig stieg. Um 11.53 Uhr forderte die Stadt den Veranstalter schließlich auf, das "Gelände zu öffnen, da es zu Randalen im Stadtgebiet" kam. 

Minutengenaue Dokumentation

Was danach passierte, listet der Spiegel Online in einer genauen Dokumentation auf. Hier die wichtigsten Auszüge: Um 13 Uhr herum waren die Bahnhöfe in Duisburg, Essen und Dortmund bereits voll ausgelastet. 14.10 Uhr: „Die Feuerwehr beschwert sich, dass einige Rettungsauffahrten nicht - wie eigentlich vereinbart - von Ordnern des Veranstalters besetzt sind." Um 14.44 Uhr fiel am heillos überfüllten Duisburger Hauptbahnhof eine wichtige Lautsprecheranlage aus - der Defekt war gegen 15.30 Uhr immer noch nicht behoben. Schon um 14.52 Uhr wurde gemeldet, „dass kein Zulauf zum Veranstaltungsgelände möglich sei."

Um 15.50 Uhr teilte der Veranstalter Lopavent mit: "Nach wie vor große Probleme am Eingang Karl-Lehr-Tunnel; es wird überlegt, den Ausgangsgang auch für Eingänger zu öffnen." Danach drängten die ersten Besucher auf die nahe gelegene Bahnstrecke. Um 16.29 Uhr steht folgendes im Protokoll: "Druck auf Veranstaltungsgelände wird zu groß, Zäune an A59 wurden von ca. 1000 Menschen niedergerissen. Zugverkehr wurde komplett eingestellt, nur noch Busverkehr! Druck auf Veranstalter wg. erforderlicher Durchsagen soll erhöht werden." Um 17.23 Uhr begann die Evakuierung über die A59, der Mercatorkreisel war überfüllt und der VIP-Eingang wurde „überrollt".

17.34 Uhr: erste bestätigte Tote

Im Eintrag um 17.34 Uhr fürchtete die Ordnungsbehörde um das Wohl ihrer in Duisburg eingesetzten Mitarbeiter: "Durchsage an Alle: Eigensicherung steht über Allem!" Zur gleichen Zeit bestätigte die Feuerwehreinsatzleitstelle zwei Tote, zwei Minuten später die Polizei zwei weitere Tote. Um 18.33 Uhr brach das Handynetz zusammen. 19.45 Uhr: „Keiner mehr aufs Gelände, nur noch runter."

Gegen 23 Uhr wurden mehrere Floats, die als "Entlastungsbühnen" dienten, von Love-Parade-Besuchern gestürmt. Im Einsatztagebuch wurde vermerkt: "Musik-Float auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz wird aufgegeben. Nach massiver Bedrängnis und ohne (...) Unterstützung der Polizei muss der Float aufgegeben werden. Polizei hat keine Möglichkeit die Außendienstkräfte zu unterstützen."
Um 00.01 Uhr gab es im Polizeipräsidium Informationen über Verstorbene und Verletzte. Letzter Eintrag um 2.20 Uhr: "Die Lage ist beendet." (red)

Nachlese:

Spiegel Online: Katastrophe ab 12.52 Uhr

  • Der Karl-Lehr-Tunnel war schon am frühen Nachmittag von Massen an heranströmenden Ravern überfüllt.
    foto: waz foto pool epa/peter malzbender / pool

    Der Karl-Lehr-Tunnel war schon am frühen Nachmittag von Massen an heranströmenden Ravern überfüllt.

  • Erst nachdem Begrenzungszäune umgetreten worden waren, konnten sich viele Besucher retten.
    foto: epa/erik wiffers

    Erst nachdem Begrenzungszäune umgetreten worden waren, konnten sich viele Besucher retten.

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