"Google ist ein tolles Feindbild"

19. August 2010, 10:27
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Die Angst der Deutschen vor Google Street View führt der Internetsoziologe Stephan Humer auf mangelndes Wissen zurück

Standard: Warum ist die Aufregung über Google Street View in Deutschland so groß? Die Franzosen sehen das viel gelassener.

Humer: Viele haben überhaupt nicht verstanden, wie Google seinen Dienst umsetzen will. Die glauben immer noch, da werden Live-Bilder im Internet gezeigt, was ja Quatsch ist. Außerdem hat sich die Politik jetzt sehr auf dieses Thema gesetzt, weil sie zuvor wieder einmal geschlafen hat.

Standard: Was meinen Sie damit?

Humer: Deutschland ist ein sehr technikkritisches Land, Politiker sind oft technikfeindlich, was wohl auch eine Generationenfrage ist. Aber die deutsche Politik hat sich auch gegen die Buch-Digitalisierung gewehrt oder hatte Bedenken gegen Google-Mail.

Standard: Sightwalk.de bietet schon Stadtansichten. Da sind nicht einmal Gesichter gepixelt. Warum regt das niemanden auf?

Humer: Ja, da gäbe es die eine oder andere Geschichte, die genauso zu hinterfragen wäre. Aber Google ist ein tolles Feindbild - ein großer US-Konzern, den jeder kennt. Da ist viel Populismus dabei.

Standard: Hätte Google sein Vorhaben besser erklären müssen?

Humer: Die hätten schon wissen müssen, dass die deutsche Politik sehr träge ist. Aber jetzt sind sie ja sehr offensiv und schalten große Anzeigen. Das Problem in Deutschland ist, dass viele Leute immer noch glauben, Digitalisierung sei eine technische Neuerung, die nur ein paar Freaks angeht. So ist es aber nicht. Da passiert gerade epochales und damit muss ich mich auseinandersetzen, egal, ob es mir gefällt oder nicht - nicht nur als Privatperson, auch als Politiker.

Standard: Was erwarten Sie von der deutschen Politik?

Humer: Dass sie jetzt keine Hau-drauf-Aktion startet, sondern in Ruhe mit Internet-Experten überlegt, welchen gesetzlichen Rahmen Digitalisierung braucht.

Standard: Sie werden Ihr Haus wohl eher nicht pixeln lassen.

Humer: Nein, mache ich nicht. Mir ist es völlig egal, ob es gezeigt wird. Man muss ja auch bedenken: Jede Person, die möchte, kann ein Haus fotografieren und dann das Foto im Internet veröffentlichen. Das ist nicht verboten.

Standard: Skeptiker fürchten, Einbrecher könnten via Google Street View Häuser auskundschaften.

Humer: Die Bilder, die Street View zeigt, sind zum Teil schon ein paar Jahre alt. Wenn sich wer wirklich für ein Haus interessiert, kann er auch mit dem Auto vorbeifahren und sich alles anschauen. Ich habe Verständnis dafür, dass man militärische Anlagen nicht zeigt. (das Interview führte Birgit Baumann, DER STANDARD Printausgabe 19. Augut 2010)

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    STEPHAN HUMER (33) ist Soziologe und Dozent an der Universität der Künste in Berlin.
    Was manche befürchten: Street View ermögliche es Einbrechern, Häuser auszuspionieren. Dafür seien die Bilder allerdings zu alt, sagt der Internetsoziologe Stephan Humer.

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