Der Schnabel der Terrorvögel schlug zu wie eine Axt

22. August 2010, 16:50
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Erfolgsmodell der Evolution: In Südamerika standen die Laufvögel über einen langen Zeitraum an der Spitze der Nahrungskette

San Francisco - Vor kurzem wurden sie österreichweit zu Medienstars: Die Seriemas von Schönbrunn - zum (Sommer-)Thema geworden wegen ihrer Angewohnheit, sich an heißen Tagen auf den Rücken zu schmeißen und vermeintlich tot in der Sonne zu liegen. Was sonst noch an Potenzial in den Genen der kleinen südamerikanischen Laufvögel steckt, ist deutlich weniger putzig, denn sie sind die engsten lebenden Verwandten der einstigen Phorusrhacidae, auch Terrorvögel genannt.

Erfolgsmodell

Die flugunfähigen Terrorvögel entwickelten sich vor etwa 60 Millionen Jahren im damals noch isolierten Südamerika, wo sie rasch und dann für lange Zeit an der Spitze der Nahrungskette standen. Die größten Terrorvogelarten erreichten eine Körperhöhe von bis zu drei Metern und ein Gewicht von 400 Kilogramm. Vor einigen Jahren wurde in Patagonien sogar ein Schädel von 70 Zentimetern Länge gefunden - so lange wie der ganze Körper einer Seriema. Und während letztere Jagd auf Insekten und Kleintiere macht, konnten die Terrorvögel von einst, die etwa so schnell liefen wie ein heutiges Pferd, Tiere von Antilopengröße erbeuten.

Die Terrorvögel konnten sich über dutzende Millionen Jahre hinweg gegenüber anderen Raubtieren - zum Beispiel säbelzahnbewehrten Beuteltieren - behaupten. Erst als sich vor etwa drei Millionen Jahren die Landbrücke zwischen Süd- und Nordamerika schloss, trafen sie in Form von Großkatzen und anderen aus dem Norden einwandernden Räubern auf Konkurrenz, der sie nicht mehr gewachsen waren. Zwar konnten die Terrorvögel nun ihrerseits nach Nordamerika vordringen und sich dort eine Zeitlang behaupten, ihre Zahl und Artenvielfalt nahm aber beständig ab.

Einsatz der Waffen

Argentinische und US-amerikanische Forscher analysierten jetzt erstmals, wie die Tiere ihre riesigen Schnäbel einsetzten und so zu den gefährlichsten Raubtieren ihrer Zeit wurden. Ihre Analyse zeigt, dass die Tiere wie ein guter Boxer handelten: Sie "verbissen" sich nicht in ihr Opfer, sondern stießen und hackten immer wieder zu, wie die Forscher im Fachjournal "PLoS One" berichten.

Federico Degrange von der Universität La Plata in Argentinien und seine Mitarbeiter untersuchten dazu den Schädel von Andalgalornis steulleti, einem Tier, das vor etwa sechs Millionen Jahren im Nordwesten Argentiniens gelebt hatte. Mit etwa 1,4 Metern Größe lag es nur im Mittelfeld der Terrorvögel. Der Schädel misst 37 Zentimeter, wovon zwei Drittel auf den festen, raubvogelhaften Schnabel entfallen. Die Forscher stellten mittels Computertomographie fest, dass dieser Schädel viel fester war als bei Vögeln sonst üblich. Computermodelle ergaben, dass er vor allem Zug- und Stoßkräfte in Längsrichtung und von oben nach unten aushielt, bei seitlichen Kräften jedoch erhebliche Schwächen hatte.

Dies zeigt, wie die Tiere ihre Beute erlegten, folgern die Forscher. Es war den Vögeln nicht möglich, die Beute zu packen und zu schütteln, wie es viele heutige Raubvögel tun. Seitliche Bewegungen durch sich wehrende Tiere hätte den großen Schnabel leicht brechen lassen, daher setzten sie vermutlich auf wiederholte, kurze Angriffe. Dazu nutzten sie wahrscheinlich ihre kräftigen Halsmuskeln und setzten Kopf und Schnabel wie eine Axt ein, mit der sie immer wieder von oben hackten, zustießen und mit dem Hakenschnabel nach hinten zerrten. (red/APA)

  • Andalgalornis beim Angriff auf den katzengroßen Pflanzenfresser Hemihegetotherium
    illustration: marcos cenizo, courtesy of the museo de la plata

    Andalgalornis beim Angriff auf den katzengroßen Pflanzenfresser Hemihegetotherium

  • Der Schädel des Terrorvogels Andalgalornis in Aktion (Video: Ridgely & Witmer/WitmerLab, Ohio University) 

  • Zum Vergleich: Die Schädel eines Andalgalornis, eines Menschen und eines Steinadlers
    foto: courtesy of ohio university

    Zum Vergleich: Die Schädel eines Andalgalornis, eines Menschen und eines Steinadlers

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