Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft

19. August 2010, 17:08
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Die New Yorker Band !!! widmet ihr teilweise in Berlin entstandenes neues Album Iggy Pop und David Bowie - und benutzt dazu David Byrne

Zumindest auf zwei grundsätzliche Punkte hat man sich bei der zuletzt 2007 mit dem Album "Myth Takes" in Erscheinung getretenen US-Band einigen können. Man spricht die drei Rufzeichen "Chk Chk Chk" aus. Und !!! haben in ihrer Jugend sehr viel Talking Heads gehört.

Man braucht nicht komisch herumzudeuteln: Auch die teilweise in Berlin entstandene neue Arbeit "Strange Weather, Isn't It?" wird wenig daran ändern. Immerhin besteht das Verdienst der durch drei Abgänge und einen Todesfall beinahe vollständig neu besetzten Combo, die 1997 in New York gegründet wurde, darin, dem Original einige entscheidende neue Aspekte beifügen zu können.

Vom Anspruch auf künstlerische Alleinstellungsmerkmale in der Musik sollte man sich ohnehin schon seit drei Jahrzehnten verabschiedet haben. Deshalb ist es wichtig, sich möglichst bald im Konsumentenleben damit anzufreunden, der Variation die Sensationen abringen zu können.

Auf dem neuen Album finden sich so etwa durchaus aus dem studentischen Progressive Rock der frühen 1970er-Jahre gezogene Lehren in Sachen Studienreisen zur freien Improvisation. Das kann schon einmal passieren, wenn der Schlagzeuger seine Kreativität zu sehr von der Bass- und Marschtrommel Richtung Becken und Hänge-Toms verlagert und man neuerdings auch einen Saxofonisten beschäftigt, der inspirative Durchhänger mit unmerkbaren Melodiebögen zu überbrücken weiß.

An anderer Stelle hört man deutlich, dass man dem ebenfalls in New York beheimateten LCD Soundsystem von James Murphy durchaus an Funkyness in Verbindung mit vom Punk kommender Ruppigkeit das Wasser reichen könnte. Allerdings mangelt es !!! dann doch in den grundsätzlich auf jeweils einem einzigen Riff basierenden Songs an der entsprechenden Dringlichkeit.

Lieber wandert man mit diversen Gitarren- und Keyboardeffekten ins weite Land der spontanen Jam-Session. In dem haben sich auf monotoner Rhythmus-Basis, die es versteht, einen Drumcomputer auf einem Schlagzeug nachzustellen, seit den großen Zeiten von Can und Neu! auch schon zahllose Krautrock-Bands verlaufen.

Dieses Irren und Wirren wiederum wird mit hübsch verschludertem Zuhälter-Funk aufgewogen, wie man ihn etwa aus den 1970er-Jahren von den britischen Weißbroten Stretch und ihrem solitären Hit Why Did You Do It? kennt.

An anderer Stelle dieses wohl nicht ohne Grund mit einem Fragezeichen versehenen Albums "Strange Weather, Isn't It?" erhebt eine Soul-Sängerin ihren Gesang Richtung Disco-Hymne. Ein reizvoller Kontrast zur völlig ausdruckslosen Sprechgesangsstimme Nic Offers.

Was am Ende wirklich ratlos macht, ist das Bestemmen der Band, dass es sich bei diesem zu weiten Teilen in New York und Kalifornien entstandenen Werks um eine "Berlin-Platte" handle.

Nun kann man zwar sagen, dass auch schon Bono und U2 oder Rufus Wainwright in Berlin schlechte Musik aufgenommen haben - oder sich von der zerschossenen Mauerstadtmetropole mit dem neulich vor 21 Jahren hinzugefügten Plattenbau-Charme zumindest inspirieren haben lassen. Lou Reed etwa benamste ein ganzes Konzeptalbum nach der Stadt, in der er zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gewesen war.

Wahrscheinlich aber meinen !!! mit "Berlin-Album" ohnehin die Trilogie David Bowies und Brian Enos sowie "The Idiot" und "Lust For Life" von Iggy Pop.

Hier muss man sagen: Schade, aber das geht sich nicht aus. Oh, nein. Tolle Sache. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.8.2010)

 

  • !!! - Strange Weather, Isn't It? (Warp / Rough Trade)
    foto: rough trade

    !!! - Strange Weather, Isn't It? (Warp / Rough Trade)

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