Mutiger Kampf gegen korrupte Netzwerke

18. August 2010, 18:45
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Vor 3350 Jahren wurde gegen betrügerische Politiker ermittelt - in Mesopotamien

Nordöstlicher Irak, irgendwann zwischen 1500 und 1350 v. Chr. Das heutige Kirkuk trägt den Namen Arrapcha und ist das Zentrum eines Kleinstaates. Eine seiner Provinzstädte heißt Nuzi, das heute als archäologische Stätte mit dem Namen Yorghan Tepe bekannt ist.

Dort wurden zwischen 6500 und 7000 Keilschrifttäfelchen aus verschiedensten Archiven gefunden, die Zeugnis ablegen vom Leben in der Stadt, ehe diese um 1350 v. Chr. von den Assyrern zerstört wurde. Die Texte decken eine Vielzahl von Themen ab und sind eben in einer handlichen und gut dokumentierten Edition mit englischer Übersetzung auch für ein breites Publikum vorgelegt worden (Maynard Paul Maidman, Nuzi Texts and Their Uses as Historical Evidence, Atlanta 2010).

Besonderes Interesse verdient ein Dossier von 24 Texten, in denen es offensichtlich um juristische Erhebungen im Rahmen eines groß angelegten Betrugs- und Bestechungsfalles geht. Im Zentrum dieser Voruntersuchungen steht der ehemalige "Bürgermeister" von Nuzi, Kushshi-Charpe, der mit einer Reihe von Gefolgsleuten und Freunden beschuldigt wird, über Jahre hinweg ein Netzwerk gebildet zu haben, das systematisch Gelder unterschlug und sich auf Kosten des Gemeinwesens bereicherte.

Die Vorwürfe sind vielfältig. Staatliches Eigentum wird veräußert, und die Gelder fließen in private Taschen. Begünstigungen werden gewährt, Bestechungsgelder werden als "Geschenke" getarnt. Immer wieder tauchen die gleichen Personen auf. Diese bestreiten die Vorwürfe vehement. In den Einvernahmeprotokollen weist Kushshi-Charpe entrüstet und mit Nachdruck alle Anschuldigungen von sich.

Die Unschuldsvermutung gilt

Ob Kushshi-Charpe und seine Helfershelfer tatsächlich verurteilt worden sind, wissen wir nicht, weil die entsprechenden Dokumente nicht erhalten sind. Deshalb gilt die Unschuldsvermutung, auch nach 3350 Jahren. Aber immerhin hat die Justiz von Nuzi mutig gegen die ehemaligen Spitzen ihres Gemeinwesens ermittelt. Die Protokolle sind auch noch nach drei Jahrtausenden nachlesbar. (Robert Rollinger/DER STANDARD, Printausgabe, 19.8.2010)

ROBERT ROLLINGER leitet das Institut für Alte Geschichte und Altorientalistik an der Universität Innsbruck.

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