Die Schwerelosigkeit der Intensität

18. August 2010, 17:48
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Bariton Matthias Goerne mit Christoph Eschenbach

Salzburg - Wohl in Ermangelung rechtzeitig eintreffender Noten - Wolfgang Rihm schrieb noch - stieg Matthias Goerne aus dem doch uraufgeführten Dionysos-Projekt aus. Im Sommerloch muss er sich dennoch nicht wähnen - immerhin bringt der deutsche Bariton alle drei Liederzyklen von Schubert nach Salzburg. Das Ganze ist gut vorbereitet, da Teil eines zwölf CDs umfassenden Projektes, das Goerne mit dem kleinen Label Harmonia Mundi umsetzt.

Einst bei Multi Universal unter Vertrag (wie nun noch immer Ronaldo Villazón), ist Goerne damit dort gelandet, wo man offenbar neben ökonomischen auch künstlerische Ambitionen hat, was die Wahl Goernes verdeutlicht. Einst hat er mit Alfred Brendel eine glänzende Winterreise aufgenommen (bei Universal), und nach wie vor hebt Goerne Schuberts Miniaturen (diesfalls jene der Schönen Müllerin) mit Leichtigkeit auf eine besondere lyrische Ebene. Wobei das Wort Miniatur ein bisschen eine Untertreibung beinhaltet.

Das Tempo ist vielfach langsam, das finale Des Baches Wiegenlied dauert bei Goerne fast zehn Minuten und mutiert zu einer lyrischen Todesszene von intimer Intensität. Goerne will natürlich bei dieser sich nach und nach ins Tragische wandelnden Geschichte das Düstere betonen.

Er spielt aber auch bewusst seine Stärken aus, die um eine delikate Legatokunst kreisen. Ist er beim Wanderer noch eher beiläufig unterwegs und orgelt seine Stimme in der Tiefe etwas unfreiwillig, so verfügt er ab der Danksagung an den Bach schon wieder über jene Schwerelosigkeit der Gestaltung, die seinen Zugang so einzigartig macht.

Dabei herrscht kein galanter, manierierter Schöngesang vor; sehr wohl wird auch dramatisch umgesetzt, was Noten an Wut und Verzweiflung bergen. Ein bisschen gehetzt und wortundeutlich wirkt Goerne zwar bei Der Jäger. Im Grunde dominiert aber eine packende, souveräne und kontrastreiche Balance zwischen innigem Modellieren von Verläufen und Ausbrüchen ins Expressive.

Christoph Eschenbach am Klavier wirkt daneben wie ein verlässlicher, mitunter etwas neutral klingender Sachwalter der Klarheit. Als jener ruhige Bach allerdings, in den Goerne gerne eintaucht. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.8.2010)

 

Termine: 20. 8. Winterreise; 23. 8. Schwanengesang

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