"Jeder von uns strahlt in seinem eigenen Licht"

18. August 2010, 17:45
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Erwin Schrott, umjubelter Leporello in Claus Guths "Don Giovanni"-Inszenierung in Salzburg, im Interview

Schrott sprach mit Andrea Schurian über seine Rolle, das Publikum, seine Bewunderung für Anna Netrebko und neue Projekte.

Standard: Schriftsteller sprechen vom horror vacui, vom Schrecken vor dem leeren Blatt. Wie geht es Ihnen unmittelbar vor dem Auftritt?

Schrott: Ich kann ihn kaum erwarten. Das Herz schlägt schneller, das Adrenalin steigt. Vermutlich fühlt sich so ein Stier, der in die Arena will.

Standard: Vor zwei Jahren wurde Don Giovanni mit Ihnen als Leporello hier in Salzburg eher zerzaust, heuer hymnisch bejubelt. Wie wichtig nehmen Sie Kritiken?

Schrott: Ich lese sie, aber ich weiß: es war mit Sicherheit weder so schlecht noch so großartig, wie geschrieben wird. Selbstverständlich freuen mich gute Kritiken. Aber ich werde immer versuchen, es das nächste Mal noch besser zu machen.

Standard: Sie haben sowohl den Leporello als auch den Don Giovanni in vielen großen Opernhäusern gesungen. Welche Rolle mögen Sie mehr?

Schrott: Jeweils die, die ich gerade singe. Eigentlich ist Don Giovanni eine traurige, einsame Figur. Er kümmert sich um nichts und niemanden, in Wirklichkeit nicht einmal um sich selbst. Er ist eine einzige große Lüge, ein Geschichtenerzähler. Leporello hilft ihm, weil er ihn bemitleidet.

Standard: Bemitleidet? Oder eher beneidet? Leporello beklagt sich doch anfangs, dass er buchstäblich im Regen steht, nichts von alldem hat, was Don Giovanni besitzt.

Schrott: Ja. Aber am Ende bemitleidet er Don Giovanni, weil er sieht, wie erbärmlich er endet.

Standard: Caus Guth dreht die Interpretation weiter: Leporello und Don Giovanni sind eher zwei Kumpel.

Schrott: Genau. Der eine ist von einer Art Todessehnsucht getrieben, der andere nicht imstande, die Notbremse zu ziehen. Leporello sagt seinem sterbenden Freund: Du wirst bald verblutet sein, ich mache, was du willst, bin dein Clown, dein Double. Alles, um dich noch einmal glücklich zu machen, ehe du stirbst. Ich habe diese bittere Erfahrung selbst gemacht. Einer meiner besten Freunde starb, als ich 19 war. Claus erzählte, dass bei der Premiere Menschen geweint haben. Ich verstehe das. Ich hatte bei Romeo et Juliette auch Tränen in den Augen. Diese Opern erzählen alles über das menschliche Dasein. Sich dem hinzugeben, bedeutet, das Kind in uns wieder aufzuspüren.

Standard: In Romeo et Juliette wird Ihre Lebenspartnerin frenetisch bejubelt. In London haben Sie im Don Giovanni gemeinsam gesungen: Sie die Titelrolle, Anna Netrebko die Donna Anna ...

Schrott: ... aber da waren wir noch kein Paar ...

Standard: Würden Sie gern wieder mit ihr auftreten?

Schrott: Ich liebe es, gemeinsam mit Menschen auf der Bühne zu stehen, die ein großes Talent und völlige Hingabe besitzen. Anna ist so jemand. Sie hat eine so unfassbar schöne Stimme. Aber weder sie noch ich forcieren gemeinsame Auftritte. Sie hat ihre Karriere, ich meine. Jeder von uns strahlt in seinem eigenen Licht. Wenn wir in unterschiedlichen Produktionen sind, können wir uns besser unterstützen, schlechte Energien, bösartige Menschen voneinander fernhalten.

Standard: Sie beide treten in der ganzen Welt auf. Bemerken Sie Unterschiede beim Publikum? Die Wiener neigen dazu, sich für das beste
zu halten.

Schrott: Das stimmt auch. Das Wiener Publikum ist unbeschreiblich. Ich bin Uruguayer, kenne also das lateinamerikanische Temperament. Es ist harmlos gegen das, was in Wien oder hier in Salzburg los ist. Fantastisch.

Standard: Gibt es Pläne mit der neuen Staatsoperndirektion?

Schrott: Es gibt eine Reihe an Projekten. Als nächstes werde ich in Wien den Grafen in Mozarts Figaros Hochzeit singen, an der Mailänder Scala Offenbachs Hoffmanns Erzählungen, Verdis Attila an der New Yorker Met, Arrigo Boitos Mefistofele in Monte Carlo.

Standard: Da sind Sie viel unterwegs. Schwierig für die Beziehung?

Schrott: Wir suchen unsere beruflichen Angebote auch danach aus, ob wir in wenigen Flugstunden beieinander sein können. Ja, wenn wir zu lange getrennt sind, werden die Tage dunkel und bewölkt. Aber Distanz ist auch die Würze unserer Beziehung.

Standard: Und wer singt Ihren kleinen Sohn in den Schlaf, wenn Sie beide unterwegs sind?

Schrott: Als Anna schwanger war, sang ich jeden Abend, erzählte meinem Sohn Geschichten und dachte, so würde es nach der Geburt weitergehen. Aber es ist völlig anders. Wenn ich ihm nun vorsinge oder vorlese, will er überhaupt nicht schlafen gehen.

Standard: Ist Ihre aktuelle Tango-CD eine Hommage an Ihre Kindheit?

Schrott: Ja, meine Eltern haben von früh bis spät Tango gesungen. Musik war ihnen das Wichtigste. Und Bildung. Manchmal war es hart, ich wollte oft nicht Klavier üben. Aber sie haben mich gezwungen - Gott sei Dank.

Standard: Ein Musikkritiker verglich Sie mit dem jungen Marlon Brando. Doch auch Stars wie Sie können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Oper unter jungen Menschen nicht gerade als sexy gilt. Gibt's ein Rezept dagegen?

Schrott: Wir müssten die Kartenpreise senken. Das ist schwierig, denn Opernproduktionen sind enorm teuer. Ich würde den Jungen gern sagen: "Schau dir Don Giovanni an, es ist eine tolle Show. Auch wenn du vielleicht nicht alles verstehst, macht es Spaß."

Standard: Wie wichtig ist Ihnen Erfolg?

Schrott: Ich mag, was ich mache. Erfolg kommt und geht.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.8.2010)

 

Don Giovanni: Am 19., 22., 25. un 29. 8.

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    "Leporello" Erwin Schrott: Ein Kritiker verglich den uruguayischen Bassbariton mit dem jungen Marlon Brando.

    Zur Person: Erwin Schrott (37) Bassbariton, debütierte mit 22 in seiner Geburtsstadt  Montevideo in Uruguay und sang bald Hauptrollen auf internationalen  Opernbühnen.

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