Die Sherryflasche der Pfarrersfrau

18. August 2010, 17:52
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Alan Bennetts Erzählungen: Britisch, herzlich, ironisch

Wien - Mit Alan Bennetts spritziger Erzählung "Die souveräne Leserin" gelang dem Wagenbach Verlag 2008 ein überwältigender Überraschungserfolg: Weit mehr als 400.000 der in rotes Leinen (eine spezielle Färbung!) gebundenen, von Hand mit einem schmucken Bildchen beklebten Bücher der schönen Salto-Reihe hat der Berliner Verlag für Italo- und Bibliophile seither verkauft.

Die Geschichte über die englische Queen, die per Zufall das Vergnügen des Lesens für sich entdeckt und daraufhin ihre Aufgaben vernachlässigt, krönt als erster Bestseller in der Verlagsgeschichte eine ganze Reihe famoser Bennett-Übersetzungen durch Ingo Herzke, die in den letzten Jahren bei Wagenbach erschienen sind und denen mit dem Band "Ein Kräcker unterm Kanapee" sechs Monologe des britischen Dramatikers folgen: Für die BBC geschrieben und dort unter dem Titel "Talking Heads" gesendet, machten sie Bennett 1987 berühmt.

Das Geheimnis der Texte Bennetts ist erstens der in allen Situationen unendlich liebevolle Umgang des Autors mit seinen Figuren. Ihre Würde wird bis zuletzt gewahrt. Mit subtilem Humor und eleganten Witzen schildert Bennett die skurrilsten, mitunter schreiend-, bald darauf tragikomischen Schicksale, Beziehungen und Lebenskrisen, doch sind es niemals die Figuren, über die man lacht - und wenn doch, so kann man sicher sein, dass sie mitlachen würden. Zweitens geht Bennett in seinen Geschichten weit über deren britisch-humorvolle Oberfläche hinaus. Die Monologe legen die Wunden grundguter Charaktere offen, an denen das Leben vorbeigebraust ist. Sie sind hinter den Selbstverwirklichungsansprüchen anderer zurückgeblieben und von einer Erfolgsgesellschaft ausgeschlossen.

Da ist die Pfarrersfrau Susan, die die mangelnde Zuwendung ihres anerkennungshungrigen Mannes mit viel Sherry wettzumachen versucht und die der Stand-up-Comedian Bennett Sätze sagen lässt wie: "Wenn Sie glauben, Squash sei ein Wettkampfsport, dann versuchen Sie es mal mit Blumenarrangements." Oder Graham, der bei seiner alten Mutter wohnt und ihr, zur Selbstständigkeit unfähig, den Flirt mit einem Jugendfreund missgönnt.

Eine andere alte Frau, die jahrelang mit Beschwerdebriefen (etwa wegen Hundehaufen vorm Buckingham-Palast) gegen das Vergessenwerden von der Gesellschaft angeschrieben hatte, findet Glück und Anschluss im Gefängnis.

Bennetts Figuren haben ihre bescheidenen Schicksale angenommen - voller Gutherzigkeit, aus Höflichkeit, mit schlichtem, unverfälschtem Gemüt, ohne Groll, dafür mit Respekt selbst noch für jene, die ihre Unglückslage verschuldet haben. (Isabella Pohl  / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.8.2010)

Alan Bennett "Ein Kräcker unterm Kanapee", Wagenbach, Berlin

  • Alan Bennett führt sein Hausschwein spazieren. Ein Freund und Nachbar des britischen Schriftstellers ist übrigens der Pop-Lyriker in der Oscar-Wilde-Nachfolge Morrissey.
    foto: david farrell

    Alan Bennett führt sein Hausschwein spazieren. Ein Freund und Nachbar des britischen Schriftstellers ist übrigens der Pop-Lyriker in der Oscar-Wilde-Nachfolge Morrissey.

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