Präsident Komorowski: "Diese Diskussion kann niemand mehr stoppen und sie wird sehr viele Angelegenheiten berühren"
Warschau - Zwischen dem neuen polnischen Präsidenten Bronislaw
Komorowski und der katholischen Kirche gibt es zunehmend Misstöne, obwohl sich
beide offiziell über das umstrittene Holzkreuz vor dem Präsidentenpalast in der
Warschauer Innenstadt einig sind. Die Kirche habe für den Streit um das Kreuz
"bezahlt und wird noch auf lange Sicht hin bezahlen", erklärte Komorowski, der
aus der rechtsliberalen Regierungspartei Bürgerplattform (PO) stammt, in einem
Interview mit der Zeitschrift "Polityka".
Durch das Holzkreuz, das an den Absturz eines Regierungsflugzeuges am 10.
April - bei dem auch der damalige Präsident Lech Kaczynski starb - erinnern
soll, sei eine Diskussion über die Rolle der Kirche im öffentlichen Leben
aufgekommen. "Diese Diskussion kann niemand mehr stoppen und sie wird sehr viele
Angelegenheiten berühren", erklärte Komorowski. Gleichzeitig äußerte sich der
Präsident kritisch darüber, dass viele Geistliche im Wahlkampf seinen
Widersacher Jaroslaw Kaczynski von der rechtskonservativen Oppositionspartei
Recht und Gerechtigkeit (PiS) unterstützt hatten. Er werde diese Frage nicht
vertiefen, "um nicht eine noch größere Spaltung innerhalb der Kirche zu
fördern". Vielmehr hoffe er "auf ein Nachdenken darüber in der Kirche selbst".
Kirche für Kreuz-Verlegung
Das Episkopat forderte vor wenigen Tagen die vor dem Präsidentenpalast
protestierenden Menschen auf, den Transport des Kreuzes in die St.-Anna-Kirche
zu ermöglichen und stellte sich damit auf die Seite von Komorowski. Kritiker
hatten den Kirchenoberen vorgeworfen, nicht schon bei dem am 3. August geplanten
und schließlich gescheiterten Umzug klar Stellung bezogen zu haben. Damals
erschienen nur einige Geistliche der Warschauer Kurie vor dem Präsidentenpalast
und versuchten vergeblich, die Protestierenden umzustimmen.
Umgekehrt kommt trotz des Episkopats-Beschlusses aus der Kirche verstärkt
Kritik am Vorgehen von Komorowski. Der als konservativ geltende Erzbischof von
Gdansk (Danzig), Slawoj Glodz, trat gegenüber der Zeitung "Rzeczpospolita" für
ein Denkmal an der Stelle des Kreuzes ein, was Komorowski ablehnt. Glodz warf
dem Präsidenten vor, "die Spuren des Vorgängers verwischen" zu wollen, "um sich
selbst zu erhöhen". Das Denkmal solle ebenso wie das Kreuz an die Opfer der
Flugzeugkatastrophe erinnern, so Glodz, bei dem neben dem damaligen Präsidenten
Lech Kaczynski alle 95 weiteren Passagiere ums Leben kamen.
Das Holzkreuz hatten Pfadfinder einige Tage nach der Katastrophe aufgestellt.
Für seinen Erhalt vor dem Präsidentenpalast demonstrieren seit Wochen einige
Dutzend Bürger mit Unterstützung der rechtskonservativen Oppositionspartei Recht
und Gerechtigkeit von Jaroslaw Kaczynski. Vor allem die Oppositionspartei
Bündnis der demokratischen Linken (SLD) erklärte aus diesem Anlass, es müsse
eine neue Diskussion über die Trennung von Staat und Kirche in Polen geführt
werden. Als Beispiele nannte sie den Religionsunterricht in der Schule und die
Kommission des Innenministeriums, die der Kirche ab 1945 enteignetes Eigentum
erstattet oder entschädigt. (APA)