Am finnischen Meerbusen hängen

18. August 2010, 16:52
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14.000 Eilande umfließt der Saimaa-See im finnischen Südkarelien - das Naturparadies streckt seine Arme bis zum russischen Nachbarn aus. Mit Ansichtssache

Alles fließt: Besser als auf der MS-Carelia passt dieser Aphorismus wohl kaum irgendwo. Sobald das ehemalige Buttertransportschiff ablegt, wird es vor allem beschaulich. So viel überwältigende Gegend wie im finnischen Südkarelien lässt auch Hartgesottene nicht unberührt. Der Saimaa ist hier überall. Der größte finnische und viertgrößte Binnensee Europas löst sich in unzählige Arme und Ärmchen auf, zerfließt in zahlreiche Seen und umschmeichelt fast 14.000 Inseln. Das von sattgrünen Wäldern gerahmte Gewässerlabyrinth, gut 250 Kilometer nordöstlich von Helsinki, bringt es auf 3000 Kilometer schiffbare Kanäle und Flüsse. In dieser atemberaubenden Natur - wo sich oft nur Elch und Biber Gute Nacht sagen - ist Russland nicht weit. Fünf Stunden dauert die Schifffahrt von der südkarelischen Metropole Lappeenranta durch den Saimaa-Kanal nach Vyborg am Finnischen Meerbusen.

Der für seine Trinkgewohnheiten berüchtigte Finne versüßt sich die Fahrt auf seine Art. So fließt nicht nur viel Wasser den Saimaa-Kanal - sondern auch einiges an Alkohol die Kehlen der Passagiere hinunter. Schon bald ist es vorbei mit der legendären finnischen Schweigsamkeit, die aber ohnedies in diesem Zipfel des Landes weit weniger ausgeprägt ist als im Norden. Es wird geplaudert, getrunken, gegessen und gesungen. Erst seit dem Ende der Sowjetunion sind solche Reisen möglich. Nach der Teilung Kareliens 1947 verlief der 1856 gebaute Kanal sowohl über finnisches als auch über sowjetisches Staatsgebiet. Der damalige Staatspräsident Urho Kekkonen überzeugte die Russen, den Nachbarn ihren Anteil an der Wasserstraße zu verpachten.

Auf der MS-Carelia ist man mittlerweile warm miteinander geworden. Alles Schlechte komme von Russland, witzeln die Finnen: die Bären ebenso wie die auf Finnlands Straßen kriechenden Autofahrer, die bei Geschwindigkeitsübertretung einen Visaverlust zu befürchten haben. Man erinnert sich an die ersten Einkaufsreisen der Russen, als diese es noch auf Markenwaren wie Pampers und Produkte mit Hersteller-garantie abgesehen hatten. Und man hat auch die Ausflüge der Finnen nicht vergessen, als diese loszogen, um sich billig mit Alkoholika einzudecken. Während an den Ufern kleinere und größere Inseln mitsamt den niedlichen Mökkis vorbeiziehen, gibt es zahlreiche Ratschläge für den bevorstehenden Russlandbesuch: Keinesfalls mit Kreditkarte zahlen, Handy und Kamera gut festhalten, Toilettenpapier in Restaurants mitnehmen. Dann ist man wieder bei den Wochenendhütten, auf die mittlerweile auch die russischen Nachbarn ihr Auge richten. Dass die zu Wohlstand Gekommenen jetzt 70 Jahre nach der ersten russischen Invasion wieder in Finnland einfallen, kommt so manchem Finnen russisch vor. Mit dem Begehren, ein Häuschen sofort, samt Insel und koste es, was es wolle, zu erstehen, fällt der Russe schon einmal mit der Tür ins Haus der ihren Lomamökkit Genießenden, sagt Tourismusfachfrau Suvi Ahola. Ganz ungeschoren kommen ihr aber auch die Landsleute nicht davon: "Es gibt schon einige, die so einem unmoralischen Angebot nicht widerstehen."

Ob Wladimir Putin die Sache anlässlich der Vertragsverlängerung für den Saimaa-Kanal in Lappeenranta mit seinem finnischen Amtskollegen Matti Vanhanen im Vorjahr erörterte, ist nicht bekannt. Auch nicht, ob der Grenzübertritt an sich Thema war. Potenzial für bilateralen Austausch böte er allemal. Wer viel Zeit und Sinn für eine Choreografie der besonderen Art hat, kann sich nämlich für den parallel verlaufenden Landweg von Lappeenranta nach Vyborg entscheiden. Zwei bis drei Stunden dauert die in peniblen Schritten zu vollziehende Prozedur bei mäßigem Verkehr: Reisepass auf Seite zwei aufschlagen, Visumseite vorzeigen, nicht das Trottoir verlassen, alphabetisch antreten, noch einmal Porträtseite präsentieren, nicht fotografieren ... Die Zahl der potenziellen Fettnäpfchen ist groß. Minirock und Highheels dürften beschleunigend wirken, wie der Blick auf manche Grenzgängerinnen schließen lässt.

Ob zu Wasser oder zu Land: Früher oder später ist man dann in Vyborg angekommen. Rund 400.000 Finnen ließen hier 1947 ihr Hab und Gut zurück, und viele haben den Russen die Entwurzelung bis heute nicht verziehen. In solcher Blitzgeschwindigkeit seien sie eingerückt, "dass bei vielen noch der Borschtsch auf dem Tisch stand", erzählt der Finne Ami Lainela während einer Führung durch Vyborg. 18 Jahre seines Lebens hat er in Russland verbracht und gute Freunde gewonnen. Besonders die Großzügigkeit der Nachbarn hat es ihm angetan. Ami Lainela ist wieder nach Finnland zurückgekehrt, wegen der sozialen Absicherung, auf die er im Alter nicht verzichten will. Rund 80.000 Einwohner zählt Vyborg heute. Mit allerlei dubiosen Geschäften verdiene man hier den Lebensunterhalt, munkeln die Finnen.

Auffällig viele Junge leben heute hier, sagt Ami. Sie hoffen, am erwarteten Aufschwung teilzuhaben. Die Hoffnung liegt vor allem auf der Riesenbaustelle unmittelbar vor der Stadt. Hier wird seit dem Frühling eine 1220 Kilometer lange Erdgasleitung unter der Ostsee bis nach Deutschland gegraben. Die Gaspipeline soll in der dereinst florierenden Handelsmetropole wieder alles in Fluss bringen. In der Stadt macht sich die neue Zeit schon bemerkbar. "Die Neuzuwanderer mit den gut bezahlten Jobs treiben die Wohnungspreise kräftig nach oben", zeigt Ami auf die zahlreichen Neubauten. Aber auch die dicken Autos reicher Russen gelten als erste Vorboten für eine bessere Zukunft. (Regina Bruckner/DER STANDARD/Printausgabe/14.8.2010)

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