Der Erreger, der weltweit für Angst sorgt

17. August 2010, 19:28
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Ein neues Enzym macht ganze Klasse von Antibiotika unwirksam

Um ein Missverständnis rund um das neue "Superbakterium" gleich vorweg auszuräumen: Bei NDM-1 handelt es sich nicht um einen völlig neuen Mikroorganismus. Die "Superbugs", die seit Tagen durch die internationalen Medien geistern, sind nämlich alte Bekannte der Infektionsmediziner: das Darmbakterium E. coli zum Beispiel oder Klebsiella pneumoniae.

Einige dieser Keime haben sich allerdings die Möglichkeit zur Produktion eines Enzyms namens NDM-1 (New Delhi metallo-beta-lactamase) einverleibt, was sie wiederum gegen eine ganze Klasse von Antibiotika resistent macht.

Solche besonders schwer zu bekämpfenden Bakterien wurden vor allem in Indien und Pakistan gefunden. Aufgrund des Medizintourismus breiteten sie sich aber rasch aus, wie die Fachzeitschrift Lancet Infectious Diseases berichtete. Auf ihrem Siegeszug haben die resistenten Erreger auch den europäischen Kontinent erreicht.

Ein erster Todesfall in Europa wurde auch schon gemeldet, der mit den neuen alten Bakterien in Zusammenhang steht: Ein Patient aus Pakistan war nach einem Verkehrsunfall in eine belgische Klinik gebracht worden, wo die Erreger eine tödliche Wundinfektion verursachten.

Auch wenn die Mediziner noch ein paar allerletzte Wirkstoffe parat haben, die auch diese Keime in Schach halten können, wächst die Angst vor der nächsten Epidemie - wenige Tage, nachdem die H1N1-Pandemie von der Weltgesundheitsorganisation WHO gerade offiziell wieder abgesagt wurde.

Die Antibiotika, die noch gegen die neuen Bakterien wirken, haben nämlich einige Nachteile: Zum einen sind sie schlecht verträglich, zum anderen gehören sie einer Wirkstoffklasse an, die vergleichsweise wenig erforscht ist. Zudem gibt es keine neuen Antibiotika dieses Typus in der Pipeline der Pharmaindustrie.

Möglicherweise bewirken die durch NDM-1 multiresistent gemachten Erreger gerade noch rechtzeitig ein internationales Umdenken beim Verschreiben von Antibiotika. Denn mitverantwortlich, dass sich überhaupt Resistenzen entwickeln können, war wohl auch ein allzu freizügiger Umgang mit Breitband-Wirkstoffen.

Zumindest in Indien nahm der Widerstand (wenn schon nicht die Resistenz) gegen die sogenannten "Superbugs" in den letzten Tagen zu: Man weist offiziell zurück, dass indische Spitäler nicht sicher seien, und wehrt sich gegen die Enzym-Bezeichnung "New Delhi". (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 18.08.2010)

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    Ein Enzym macht Escherichia-coli-Bakterien multiresistent

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