Lebensgeschichten im Postsozialismus

17. August 2010, 18:48
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Die Anthropologin Jelena Tosic forscht zu Migration und dem Wandel am Balkan

"Geschichten zu hören, zu beobachten, mit Menschen über ihr Leben, ihre Erinnerungen und die Zukunft zu reden, über Erklärungen und Zusammenhänge nachzudenken, das hat mich immer schon interessiert", sagt Jelena Tosiæ. "Das habe ich zum Beruf gemacht." Sich direkt "ins Feld" zu begeben, in den Alltag und die Lebensgeschichten der Menschen einzutauchen, sich über einen längeren Zeitraum ein Bild zu machen - die sogenannte teilnehmende Beobachtung ist der wesentliche Zugang der Kultur- und Sozialanthropologin zu ihren Forschungsfragen.

Derzeit am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Uni Wien und zuvor an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften tätig, beschäftigt sich Tosiæ einerseits mit Migrationsforschung, andererseits mit dem Wandel in Südosteuropa nach dem Ende des Sozialismus und den Kriegen am Balkan. Zuletzt hat Tosiæ ihren Fokus auf Menschenrechte und Globalisierung im postsozialistischen Serbien gelegt. "Ich habe untersucht, inwiefern der globale Diskurs der Menschenrechte innerhalb der lokalen Wertvorstellungen übernommen, abgelehnt bzw. verändert wird", schildert Tosiæ.

Ein Jahr verbrachte die Wissenschafterin in Serbien, um lokale Konflikte und Debatten zu analysieren und Gespräche mit Akteuren aus Politik, Behörden, Schulen, Menschenrechtsorganisationen und sozialen Bewegungen zu führen - genauso wie mit Studenten und Aktivisten, deren Alltag sie begleitete.

Tosiæs Forschungen sind geprägt von ihrer eigenen Geschichte. 1973 in Wien geboren, ging sie mit sieben Jahren mit ihrer Mutter nach Belgrad, nach der Matura kehrte sie 1992 wieder nach Wien zurück. Ein Teil ihrer Familie musste 1995 aus Kroatien flüchten - was sie dazu veranlasste, den Exodus der Krajina-Serben und seine Folgen zu ihrem Diplomarbeitsthema zu machen. "Ich wollte die Absurdität des Nationalismus zeigen", sagt sie. "Menschen, die vom Miloseviæ-Regime als ,Bastion der Nation' hochstilisiert wurden, wurden nach ihrer Vertreibung und Ankunft in Serbien plötzlich zu Fremden."

Eine kritische Haltung gegenüber Machtverhältnissen gehört für Jelena Tosiæ, die sich in Wien genauso zu Hause fühlt wie in Belgrad, zur Grundausstattung einer Anthropologin: "Sozialwissenschaft, die apolitisch ist, ist keine", meint sie. Wichtig sei ihr, verhärtete Diskurse, etwa wie sie um Zuwanderung geführt werden, kritisch zu hinterfragen und zu zeigen, "wie vielschichtig und komplex Zugehörigkeitsprozesse sind". Um diesen Zugang Studenten zu vermitteln, gab sie gemeinsam mit Marianne Six-Hohenbalken ein unlängst bei Facultas erschienenes Lehrbuch zu Migration aus anthropologischer und interdisziplinärer Sicht heraus.

Auf ihr nächstes Forschungsvorhaben hat sie sich bei einem zweimonatigen Fellowship am Goldsmiths College, University of London, vorbereitet: Nach den Arbeiten zu Flucht und Kriegsfolgen möchte sie das Interesse auf Beispiele für friedliches Zusammenleben in der Region lenken. Anhand der albanisch-montenegrinischen Grenze, wo Menschen unterschiedlichster Identität, Religion und Sprache leben, will Tosiæ untersuchen, was Europa im Zuge der EU-Erweiterung am Balkan in Sachen Vielfalt und Koexistenz nicht nur einfordern, sondern auch lernen kann. (Karin Krichmayr, DER STANDARD/Printausgabe 18.8.2010)

  • Jelena Tosic will Machtverhältnisse kritisch hinterfragen.
    foto: privat

    Jelena Tosic will Machtverhältnisse kritisch hinterfragen.

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