Drittwelt-Eliten und "Mitleidsermüdung"

17. August 2010, 19:00
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Verderbte Eliten sind kein unabwendbares Schicksal in der Dritten Welt - Derzeit aber sind sie noch eher die Regel als die Ausnahme

Warum wird für Pakistan so wenig gespendet? Weil dieser islamische Staat rund 60 Atombomben, ein gehätscheltes, überdimensionales Militär und jede Menge Koranschulen hat, aber keine vernünftige Infrastruktur, keine funktionierenden staatlichen Institutionen und vor allem keine verantwortungsvolle Elite?

Gut möglich, dass dies eine Rolle spielt bei der staatlichen und privaten "Mitleidsermüdung" im Westen gerade im Fall der pakistanischen Flut. Im Fall des Unglücks von Pakistan mögen besonders viele negative Faktoren zusammenkommen - aber das Problem korrupter, verantwortungsloser und inkompetenter Eliten ist nicht auf dieses islamische Land beschränkt. Es ist symptomatisch für fast die gesamte Dritte Welt und womöglich deren größtes Problem.

Der pakistanische Präsident befand es die längste Zeit nicht für notwendig, angesichts der Flutkatastrophe aus Europa in seine Heimat zurückzukehren. Sein Verhalten ist absolut nicht ungewöhnlich. Seit Pakistan aus der Teilung der britischen Kolonie auf dem indischen Subkontinent 1947 entstand (mit rund drei Millionen Toten während des Trennungsprozesses), haben wechselnde Dynastien das Land beherrscht, ausgeplündert und schlecht verwaltet. Einmal waren es Putsch-Militärs, dann wieder Angehörige der Oberschicht wie die einem Attentat zum Opfer gefallene Benazhir Butto oder der jetzige Präsident.

Dieses Muster ist in weiten Teilen Afrikas, Asiens und zum Teil auch Südamerikas wohlbekannt. Es existiert sogar in Teilen Europas - Griechenland wurde jahrzehntelang von jemandem regiert, der entweder Karamanlis oder Papandreou hieß und der Hauptgrund für die griechische Misere ist die Tatsache, dass kaum jemand Bürgersinn zeigt, sondern Verantwortung nur dem eigenen Clan gegenüber empfindet (ein Problem, das sich noch stärker zeigen wird, wenn Kroatien, Serbien etc. in der EU sind).

Ägypten, einer der wichtigsten Staaten der Entwicklungsländer, wird von einem alternden Despoten beherrscht, der seinen Sohn als Nachfolger will. In Simbabwe, auch einem potenziell reichen Land, erzeugt die stalinistische Herrschaft von Mugabe nichts als Verelendung. Die Despoten Zentralasiens mit ihren goldenen Statuen auf den postsowjetisch monumentalen Hauptplätzen verschleudern den nationalen (Rohstoff-)Reichtum.

Warum gelingt es so wenigen Schwellenländern, ihre zugleich grausamen, korrupten und unfähigen Despoten abzuschütteln? Wahrscheinlich, weil die Mittelschicht, die immer der Träger der Demokratie ist, (noch?) zu klein ist.

Es gibt keine "kulturell für autoritäre Herrschaft prädisponierten" Weltgegenden. Südkorea und Taiwan haben sich aus autoritären Regimen zu halbwegs funktionierenden Demokratien entwickelt. Indien hat ein halbwegs stabiles System ohne diktatorische Dominanz. Sogar das heutige China ist ein gewaltiger Fortschritt gegenüber den Massenmorden und dem Massenelend der Mao-Ära.

Verderbte Eliten sind kein unabwendbares Schicksal in der Dritten Welt. Derzeit aber sind sie noch eher die Regel als die Ausnahme. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 18.8.2010)

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