Mikroalge aus dem heimischen Bio-Reaktor

17. August 2010, 19:08
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Zwei Niederösterreicher entwickelten die Zucht von Mikroalgen weiter

Das schnellwachsende Grün soll in der Medizin, Pharmazie und Kosmetik, als Futtermittel und zur Energiegewinnung eingesetzt werden können.

Für viele sind sie nur unliebsame Beschmutzer des Swimmingpools und höchstens ums Sushi gewickelt akzeptabel. Dabei sind Algen schon lange im Visier von Wissenschaft und Industrie. Sie enthalten wichtige Substanzen für Medizin, Pharmazie und Kosmetik, sind Nahrungsmittelzusatz oder Tiernahrung und können selbst in der Gewinnung von biologischen Kunststoffen und Energie eine große Rolle spielen.

"In einem Augenblick betrachtet, machen Algen von der Welt-Biomasse nur wenige Prozent aus. Über das Jahr machen sie aber 55 Prozent des Gesamtstoffwechsels aus. Sie sind extrem effizient", erklärt Martin Mohr, welche Möglichkeiten der grüne Glitsch birgt. Gemeinsam mit seinem Kollegen Franz J. Emminger entwickelte Mohr ein neues Verfahren für die Mikroalgenzucht. Dafür wurden die Niederösterreicher 2008 mit dem Genius-Preis des RIZ, der Gründer-Agentur für Niederösterreich, ausgezeichnet.

Sie gründeten ihre eigene Firma Ecoduna und entwarfen ein neues Konzept eines Photo-Bio-Reaktors. Mit diesem wird die Massenproduktion des vielversprechenden Rohstoffs Alge erstmals möglich. Von der EU gefördert, planen Emminger und Mohr, eine Demonstrationsanlage ihres Reaktors in Österreich zu bauen.

Das Ganze muss man sich als riesiges Algenglashaus mit einer besonderen Eigenschaft vorstellen: mit unbrauchbaren, gar schädlichen Stoffen gefüttert, spuckt es Wertvolles wieder aus. Es nimmt Kohlendioxid und belastetes Abwasser auf und macht daraus Sauerstoff, reines Wasser und hochwertige Biomasse. "Der industrielle Prozess ist einfach verrückt. Es ist das Gegenteil vom Verbrennungsprozess", sagt Mohr.

Oberfläche vergrößern

Das Problem bisheriger Algenreaktoren sei die Oberfläche gewesen. Alles läuft über Photosynthese, und da diese ein "photokatalytischer Prozess" sei, brauche man eine maximale Fläche, auf der Lichtphotonen eintreffen können. "Wir hätten unseren Reaktor sogar noch effizienter bauen können, aber das macht keinen Sinn, denn mehr Licht ist nicht da", erklärt Mohr. Der Photo-Bio-Reaktor konnte die Oberfläche bis zum theoretisch maximal Möglichen hochfahren.

In Asien rechnen sich die beiden Unternehmer einen rascheren Marktzugang aus, denn hier hätten Algen Tradition, und so sei das Verständnis größer. "Bei uns sind Mikroalgen noch Aliens", sagt Mohr, doch auch in Europa werde der Nutzen immer mehr erkannt. Mohr und Emminger sind dabei, einen Algenreaktor in Deutschland zu bauen, der den Kohlendioxidausstoß eines Braunkohlekraftwerkes reduzieren soll. "In Europa wird es eher in Richtung Umwelttechnologie, in Asien eher Richtung Nahrungsmittel- und Energieproduktion gehen."

Auf zwei Ebenen tue sich am Algenmarkt derzeit sehr viel, schätzt Mohr. Einerseits in der Verwendung der Algen als Substitut für Fischöl, das wichtige Omega-3- und Omega-9-Fette enthält, aber immer mehr durch Quecksilber verunreinigt sei. Als "Grundlage der aquatischen Nahrungskette" sind Algen für die Produktion dieser Fette verantwortlich.

Andererseits investiere die Energiewirtschaft zunehmend in den nachwachsenden Rohstoff. "Es ist ja bekannt, dass Algen und Zooplankton für Erdöl verantwortlich waren", erklärt Mohr. Schon heute mache man Bio-Diesel aus verschiedenen Ölsaaten, die man einmal im Jahr erntet – Algen könne man das ganze Jahr über ernten. Algen als Energiequelle waren bisher wegen hoher Zuchtkosten wenig lukrativ, könnten aber nun durch den neuen Reaktor interessant werden.

"Revolutionäres" erwarten die beiden von der Option mit Mikroalgen Bioplastik, hochwertige Schmiermittel und vor allem Futtermittel zu produzieren. "Wir haben in Zukunft ein weltweites Proteinproblem", erklärt Mohr. Hier kommen die Algen als extrem schnell wachsender Eiweißträger ins Spiel. Man könne nährstoffreiche Tiernahrung herstellen und so etwa Kühe ernähren, ohne das Gras tausende Kilometer weit transportieren zu müssen. "In den nächsten zehn Jahren liegt dort großes Potenzial."

"Wir haben nicht an die Wertschöpfungskette gedacht", sagt Mohr im Hinblick auf das Entstehen des Projektes, "die Energieeffizienz war uns wichtig." In Amerika gehe derzeit fast alles, was die Mikroalgen betreffe, in Richtung der Genforschung. Der Zugang von "ecoduna" sei, das Potenzial der Naturalgen auszuschöpfen und so Energie und Ressourcen zu sparen.

Denkwerkstatt der Zukunft

Nicht verwunderlich also, dass man Mohr und Emminger eingeladen hat, unter dem Titel "Alles anders?" über ihre Erfindung zu sprechen. Sie werden bei der 13. Globart-Academy zu Gast sein, die heuer das Motto "Wendezeit – Bausteine für einen anderen Fortschritt" trägt. Als "interdisziplinäre Denkwerkstatt für Zukunftsfragen" versammelt sie von 19. bis 22. August Menschen mit neuen Ansätzen und Konzepten im Kloster Pernegg in Niederösterreich.

Michael Braungart wird über eine mögliche Industrie ohne Abfall, Jakob von Uexküll, Gründer des Alternativen Nobelpreises, über globale Herausforderungen sprechen. Noa Lerner wird ihre Mini-Toilette vorstellen, die das weltweite Problem fehlender sanitärer Anlagen lösen und letztlich Energie produzieren soll. Thomas Held vom Thinktank der Schweiz Avenir Suisse, wird über die Wirtschaftskrise nachdenken.

Der Algenreaktor fügt sich in diese Ideen eines anders gedachten Fortschritts, denn, so betont Mohr: "Wir wollen über eine Industrie nachdenken, die keinerlei Schäden verursacht und vielleicht sogar Probleme beseitigt." (Julia Grillmayr/DER STANDARD, Printausgabe, 18.08.2010)

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    Biosprit aus Algen zu gewinnen ist schon lange ein Forschungsthema. Da der grüne Glitsch extrem effizient ist, haben zwei Firmengründer einen Weg zur Massenproduktion gesucht.

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