"Menschliche Faktoren sind kaum relevant"

17. August 2010, 18:56
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Unfallforscher Peter Maurer untersucht Straßen auf potenziell gefährliche Stellen

Was das mit Spracherkennung zu tun hat, erklärt er Markus Böhm.

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STANDARD: Hatten Sie schon einmal einen Verkehrsunfall?

Maurer: Zum Glück noch keinen mit fahrendem Fahrzeug. Parkschäden kamen schon vor. Aber nachdem ich mich seit 15 Jahren mit Unfallforschung und Risikoabschätzung beschäftige, fahre ich wesentlich umsichtiger.

STANDARD: Weil Sie aus Ihrer Arbeit wissen, in welchem Zustand Österreichs Straßen sind?

Maurer: Ja. Wir erfassen seit 1991 den Zustand heimischer Straßen, hauptsächlich für die Asfinag, die für das Autobahn- und Schnellstraßennetz zuständig ist. Seit rund fünf Jahren sind wir auch für einige Bundesländer tätig. Wir haben bereits rund 50.000 höherrangige Straßenkilometer, von ungefähr 70.000, erfasst.

STANDARD: Wie geht das vor sich?

Maurer: Wir haben mit dem Lkw Roadstar ein mobiles Hochleistungslabor im Einsatz, das unter anderem mit etlichen Lasersensoren, GPS und Kameratechnik ausgestattet ist.

STANDARD: Wie schnell fährt dieser Lastwagen?

Maurer: 60 Kilometer pro Stunde.

STANDARD: Also relativ schnell.

Maurer: Die Herausforderung bestand darin, beim Messvorgang nicht zum Verkehrshindernis zu werden.

STANDARD: Was genau wird dabei gemessen?

Maurer: Mit einem Laser scannen wir zum Beispiel die Oberflächentextur: Jeden Millimeter wird ein Messpunkt erfasst. Das sind, wenn wir mit 60 km/h fahren, pro Sekunde etwa 16.000 Messpunkte. Etwa 30 zusätzliche Lasersensoren messen Spurrinnentiefen und die Längsebenheit. Mit einer Hochleistungskamera können wir bereits Risse von einem Millimeter feststellen. Zusätzlich gibt es ein Messrad, das künstlich gebremst wird.

STANDARD: Wozu?

Maurer: Wir können damit die auf das Messrad wirkenden Kräfte messen. Je höher zum Beispiel die Horizontalkräfte sind, desto höher ist die Fahrbahngriffigkeit, die das Rutschen und Schleudern beeinflusst. Dieses Verfahren zählt zu den besten in Europa.

STANDARD: Was hat das mit Unfallforschung zu tun?

Maurer: Wir verknüpfen die Infrastrukturdaten mit Unfalldaten der Statistik Austria und suchen dann nach Unfallhäufungsstellen.

STANDARD: Was ist eine Unfallhäufungsstelle?

Maurer: Das ist eine Stelle, an der eine bestimmte Anzahl oft gleichartiger Verkehrsunfälle mit Personenschaden passiert.

STANDARD: Wie findet man solche Stellen?

Maurer: Normalerweise dauert es einige Jahre, bis an einer Stelle mehrere Unfälle passieren. Unser Ansatz ist: Wenn wir wissen, welche Infrastrukturparameter, etwa Griffigkeit, Spurrinnen, zu einer Unfallhäufungsstelle führen, dann können wir auch untersuchen, wo es im Straßennetz ähnliche Konstellationen gibt. Wir nennen diese "virtuelle Unfallhäufungsstellen". Man kann diese dann sanieren, bevor es zu Unfällen kommt. Um sie aufzuspüren, haben wir das Analysetool "Marvin" entwickelt.

STANDARD: Wie sucht Marvin?

Maurer: Wir verwenden einen Algorithmus aus der Spracherkennung, der Ähnlichkeiten sucht.

STANDARD: Was hat das denn mit Spracherkennung zu tun?

Maurer: Jede Stimme klingt anders, und trotzdem muss man in der Spracherkennung versuchen, aus der Stimme Buchstaben und Wörter abzuleiten. Ähnlich verhält es sich bei der Suche nach virtuellen Unfallhäufungsstellen. Jede Straße ist anders, dennoch gibt es gewisse Ähnlichkeiten. Deswegen haben wir diesen Algorithmus für unsere Zwecke adaptiert - und patentiert. Ein Praktikant, der sich privat mit Audiotechnik beschäftigt, hatte dazu die Idee.

STANDARD: Was passiert denn, wenn eine solche virtuelle Unfallhäufungsstelle gefunden wurde?

Maurer: Meist genügen schon ganz einfache Sanierungsmaßnahmen. Beispielsweise kann man ein Tempolimit anbringen oder die Sichtverhältnisse verbessern, um eine gefährliche Stelle im Verkehr zu entschärfen.

STANDARD: Werden dabei eigentlich auch "menschliche" Faktoren wie überhöhte Geschwindigkeit berücksichtigt?

Maurer: Wenn an der gleichen Stelle drei gleichartige Unfälle passieren, deren Unfallumstände auf den Straßenzustand hindeuten, kann man davon ausgehen, dass die Ursache in der Infrastruktur zu suchen ist. Wir suchen nach Häufungen. Dadurch werden solche Faktoren irrelevant. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.08.2010)

=> Wissen: Verkehrsunfälle


Wissen: Verkehrsunfälle

Im Jahr 2009 ereigneten sich auf Österreichs Straßen 37.925 Verkehrsunfälle mit Personenschaden, bei denen 49.158 Personen verletzt und 633 getötet wurden, berichtet die Statistik Austria. Damit forderte der Straßenverkehr den geringsten Tribut seit 1961. Gegenüber dem Jahr 2008 verringerte sich die Zahl der Unfälle um 3,2 Prozent, jene der Verletzten um 2,7 Prozent, und die Zahl der Todesopfer sank um 6,8 Prozent. Längerfristig betrachtet waren die Rückgänge bei der Zahl der Unfälle und Verletzten weitaus geringer als bei jener der Verkehrstoten.

Seit dem Jahr 2000 sank die Zahl der Verkehrstoten kontinuierlich, nämlich um insgesamt 35 Prozent. Bei den Unfällen und Verletzten betrug der Rückgang im gleichen Zeitraum jedoch nur jeweils rund zehn Prozent. (max)


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www.statistik.at

PETER MAURER (42) studierte Kulturtechnik und Wasserwirtschaft an der Universität für Bodenkultur in Wien. Seit rund zehn Jahren ist er bei der Österreichischen Forschungs- und Prüfzentrum Arsenal GesmbH - heute gehört sie zum Austrian Institute of Technology (AIT) - und leitet dort das Geschäftsfeld Verkehrswege bzw. Verkehrsinfrastruktur mit rund 35 Mitarbeitern.

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    Am Austrian Institute of Technology sucht man nach "Unfallhäufungsstellen", die auf den Zustand der Straße zurückzuführen sind.

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