Wissenschaft im barocken Umfeld

17. August 2010, 18:46
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Im steirischen Schloss Pöllau entstand das Europäische Zentrum für Physikgeschichte

Eigentlich hätte Peter Maria Schuster mit nur einem Projekt genug zu tun. Der 70-jährige Physiker und Schriftsteller scheint aber so viele Pläne zu haben, dass seine Finger zum Zählen nicht ausreichen würden. Wer mit ihm spricht, bekommt in aller Bescheidenheit eine kleine Auswahl serviert: Schuster arbeitet an einem Roman über Ludwig Boltzmann, den an Depressionen leidenden Wissenschafter und Denker. Er ist dank seiner Begeisterung für die Physikgeschichte aber auch zu einigen Funktionen in der Europäischen und in der Österreichischen Physikalischen Gesellschaft gekommen - und das, obwohl er beteuert, sich aus Ämtern wirklich nichts zu machen.

Vor drei Jahren schließlich hat er zu Ehren des Entdeckers der kosmischen Strahlung die Viktor-Franz-Hess-Gesellschaft gegründet und nun im steirischen Barockschloss Pöllau, nicht weit von Hartberg entfernt, auch noch das Europäische Zentrum für Physikgeschichte, "Echophysics" - mit einer Ausstellung zum Thema "Strahlung - der ausgesetzte Mensch" (noch bis 15. November, Dienstag bis Sonntag von 9-17 Uhr). Hier ist eine Sammlung von etwa 500 historischen Instrumenten zu sehen. Dazwischen nachgestellte Experimente, mit denen zum Beispiel die Radioaktivität und die kosmische Strahlung erforscht wurden. Einige Universitätsinstitute haben dafür ihre Altbestände als Leihgabe zur Verfügung gestellt, dem legendären Radiuminstitut aus der Boltzmanngasse 3 in Wien Alsergrund ist ein Schwerpunkt gewidmet. Die Instrumente wären ansonsten "wohl in irgendeinem Keller in der Versenkung verschwunden."

Das Institut, vor fast genau hundert Jahren am 3. Oktober 1910 gegründet, hat zahlreiche Entdeckungen hervorgebracht. Die hier beschäftigten Wissenschafter fanden offenbar ein inspirierendes Umfeld vor. Viktor Franz Hess zum Beispiel meinte einmal rückblickend: "Die zehn Jahre im Radiuminstitut waren die schönsten meines Lebens."

Der gebürtige Steirer hat 1936 den Nobelpreis für Physik erhalten. Zahlreiche Hinterlassenschaften wie die Urkunde aus Stockholm, Medaillen und sein Schreibtisch (von der Universität Wien zur Verfügung gestellt) werden nun in einem kleinen Extrazimmer der Ausstellung gezeigt. "Vieles davon kommt von den Nachkommen von Hess, von seinen zwei Stiefenkeln, als Dauerleihgabe", sagt Schuster mit Stolz. Das ist aus mehreren Gründen keinesfalls selbstverständlich: Hess wurde aufgrund seiner politischen Einstellung von den Nationalsozialisten 1938 aus seiner Universitätsanstellung entlassen. Am Tag vor seiner drohenden Verhaftung bekam er, erzählt Schuster, wohl einen entscheidenden Hinweis von der Polizei und flüchtete. Bis zur Gründung der Viktor-Franz-Hess-Gesellschaft wurde das geistige Erbe des Physikers nicht zurückgeholt. Ein Versäumnis, das nun nachgeholt wird. "Es gibt noch viel aufzuarbeiten", sagt Schuster. Er deutet auf Laden in seinem Büro, in dem im Barock der Kerkermeister hauste, Hier liegen Briefe von Hess, die man noch sichten müsste.

Viel Arbeit wartet auf Schuster auch in der Gerätesammlung. "Die Exponate müssen benannt und katalogisiert werden." Damit das Wissen darüber nicht verlorengeht, hat Schuster ein Team von Experten, emeritierten Professoren der Physik und pensionierten Technikern gebildet, die ehrenamtlich tätig sind. "Denn heute werden diese Instrumente nicht mehr verwendet, und irgendwann wird es niemanden mehr geben, der weiß, was die Wissenschafter einst damit gemacht haben."

Schusters nahe Zukunft ist verplant: Er will nun den Boltzmann-Roman fertigstellen - aber dazwischen schon auch noch die eine oder andere Tagung der Physikgeschichte organisieren. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Printausgabe, 18.08.2010)

 

  • Ausstellungsmacher Peter Maria Schuster führt eine Schülergruppe durch die Physikgeschichte.
    foto: echophysics

    Ausstellungsmacher Peter Maria Schuster führt eine Schülergruppe durch die Physikgeschichte.

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