Der Ablass-Groschen des Raffzahns Tony Blair

17. August 2010, 18:11
25 Postings

Ex-Premier spendet Honorar für seine Memoiren einer Reha-Einrichtung für verwundete Soldaten

Das Buch werde "einzigartige Einsichten" ins Leben des "dominierenden Politikers der vergangenen zwei Jahrzehnte" gewähren, behauptet der Verlag Random House. Eine eigene Website soll Begeisterung erzeugen, für die einzige Londoner Signierstunde hat das Buch-Kaufhaus Waterstones wegen des angeblichen Ansturms einen ganzen Katalog von Vorschriften erlassen: Die PR-Maschinerie für Tony Blairs Memoiren läuft auf vollen Touren.

14 Tage vor dem offiziellen Erscheinungstermin schreibt der frühere Premier (1997-2007) wieder einmal Schlagzeilen. Das Millionenhonorar für A Journey (Eine Reise) und sämtliche Gewinne aus den Buchverkäufen gehen an ein Rehabilitationszentrum für verwundete Soldaten. Da allein der Vorschuss rund 4,6 Mio. Pfund (5,6 Mio. Euro) betrug, kann sich die Veteranenorganisation Royal British Legion auf ein hübsches Sümmchen freuen. Artig bedankte sich deren Direktor Chris Simpkins für die "sehr großzügige Spende" , die rund ein Fünftel der Gesamtkosten abdeckt.

Der Nahostvermittler und Investmentbankberater Blair (57) kann sich solche Großzügigkeit leisten. Seit seinem Ausscheiden aus dem Staatsamt hat der gelernte Anwalt nach Expertenschätzungen mindestens 20 Mio. Pfund verdient - Auftritte als Redner bringen ihm bis zu 200.000 Pfund, JP Morgan zahlt zwei Millionen pro Jahr, Zurich Financial Services eine sechsstellige Summe. Die internationale Gemeinschaft lässt sich Blairs Bemühungen um den Nahostfrieden jährlich eine Million Pfund an Spesen kosten.

Der Ex-Premier und seine stets Schnäppchen-interessierte Gattin Cherie verfügen gemeinsam über ein stattliches Immobilienportfolio und ein Dickicht von Firmen, das der Steuerberater Mike Warburton als "undurchsichtig" bezeichnet: "Man kann nur annehmen, dass er seine genauen Einkünfte geheimhalten will." Tatsächlich lieferte sich der frühere Regierungschef mit den Unterhaus-Behörden eine zweijährige Auseinandersetzung über die Frage, ob sein Job für die südkoreanische UI Energy Corporation geheim bleiben dürfe.

Spende als "Blutgeld"

Bisher war Blair also mehr als Raffzahn und nicht als Wohltäter in Erscheinung getreten. Umso mehr beschäftigt die großherzige Geste nun Freund und Feind in London. Der treue Gefolgsmann des früheren US-Präsidenten George Bush und gläubige Christ wolle Buße tun für das Debakel des Irakkrieges, glauben die einen. Das Reha-Zentrum für verwundete Soldaten käme also dem Ablass-Groschen eines reumütigen Sünders gleich, wäre sogar "Blutgeld" , wie der Vater eines im Irak getöteten Soldaten sagt.

Unsinn, beteuern die anderen: Schließlich hat Blair noch zu Jahresbeginn vor der Untersuchungskommission die britische Beteiligung am Irakkrieg verteidigt: "Ich würde die gleiche Entscheidung genau so wieder treffen."

Ein Sprecher des zum Katholizismus konvertierten Blair kennzeichnet die Millionenspende als "seine Art, den Mut und die Opferbereitschaft unserer Streitkräfte zu ehren" . Blairs früherer Redenschreiber Phil Collins erinnert sich an die "totale Bewunderung" seines früheren Chefs für die britische Armee. Vielleicht liegt die Wahrheit ja in der Mitte. Bisher jedenfalls machten sich die Zeitungen nur lustig über die De-Luxe-Ausgabe der Blair-Memoiren - zum stolzen Preis von 183 Euro. (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 18.8.2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Totale Bewunderung für britische Armee": Blair vor Soldaten im Irak im Jahr 2004.

Share if you care.