Warum man weiterhin nach Silicon Valley gehen muss

17. August 2010, 18:14
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Jajah-Mitgründer Daniel Mattes im Interview

Standard: Ende 2009 haben Sie das von Ihnen mitgegründete Jajah um rund 200 Millionen Dollar an O2 verkauft, jetzt basteln Sie schon wieder an einer neuen Firma. Was können wir von Jumio erwarten?

Mattes: Nachdem Jajah verkauft worden ist, habe ich mich neu orientiert und lange den Internetmarkt analysiert. Ich wollte etwas machen, was erstens "disruptive" ist und zweitens ein ungelöstes Problem löst. Dabei haben sich drei Bereiche herauskristallisiert.

Den ersten nenne ich "legitimate content" . Wenn man etwas sucht, findet man wahnsinnig viele Webseiten, die User nur auf eine Seite locken sollen, um Geld zu machen. Die wirklich wichtigen und guten Seiten muss man selbst herausfiltern. Das zweite Thema war Hyperlocal - das Internet ist zwar groß, aber ein Lokal wie dieses hier, das Griensteidl, kann nicht wirklich etwas damit anfangen.

Und das dritte ist der Bezahlbereich. Es gibt organisierte Kriminalität mit tausenden gestohlenen Kreditkarteninformationen, auf der Suche, diese in echtes Geld umwandeln zu können. Dafür ist eine virtuelle Ware wie Telefonie ideal: Man lädt beispielsweise 100 Dollar auf einen Skype-Account und verkauft die Zugangsdaten dazu auf der Straße um 20 Dollar. Das Risiko bei all diesen Transaktionen liegt nicht bei der Kreditkartenfirma, sondern beim Anbieter.

Standard: Warum nicht bei der Kreditkartenfirma?

Mattes: Es gibt zwei Arten von Transaktionen. Wenn Sie in diesem Café hier zahlen, eine "Swiped Transaction" , liegt das Risiko bei der Kartenfirma. Aber Online, wenn es keine Präsenz gibt, liegt das volle Risiko beim jeweiligen Anbieter. Der Kreditkartenbetrug beträgt in den USA200 Milliarden Dollar, das ist etwa so viel, wie alle US-Haushalte zusammen für Energie ausgeben.

Standard: Und worauf konzentriert sich jetzt Jumio?

Mattes: Bei "legitimate content" gibt es Ansätze zur Lösung. Das Problem ist dabei, dass man gegen die ganz Großen antreten muss. Einen richtigen Kampf mit Microsoft oder Google wollte ich mir nicht anfangen, das wäre eher eine prophetische Aufgabe zu sagen: Ich räume das Internet auf. Dann war da der Bereich Hyperlocal, der ist sehr spannend, aber ich habe nicht das passende Produkt dazu gefunden.

Somit bleibt der Payment-Bereich, der mir gefällt, weil die Eintrittsbarrieren sehr hoch sind. Da kann sich nicht jeder Student einen Server unter sein Bett stellen, denn es gibt strenge Regulierungen, und es bedarf einiges an Startkapital. Und es ist ein echter Massenmarkt, bezahlen betrifft jeden. Ich bin dann beimScouting auf zwei Israelis gestoßen, die 2008 eine sehr gute Technologie entwickelten, die aber ihrer Zeit etwas voraus war. Die beiden sind Ingenieure und keine Entrepreneure. Ich habe mich ins Flugzeug gesetzt und ihre Technologie gekauft. So ist Jumio entstanden.

Standard: Wie definieren Sie Ihre Rolle als Unternehmer?

Mattes: Ich bin einer, der eine gute Produktidee hat, die fällt nicht vom Himmel. Dann baue ich eine Sache von nichts zu einer bestimmten Größe auf.Dann ist es für mich nicht mehr so interessant, wenn es einmal eine Größe von 100 oder 120 Leuten und Organisationsstrukturen und Direktoren hat. Bei Start-ups gibt es hingegen noch Leute, die im Schlafsack im Büro schlafen, das macht Spaß.

Standard: Was machen Sie jetzt mit der Technologie, die Sie gekauft haben?

Mattes: Jetzt lege ich los. Es gibt ein Hauptquartier in Mountainview, Kalifornien, und dann habe ich Österreich für ein zweites Büro ausgesucht, weil es auch hier exzellente Leute gibt. Für einen echten Programmierer gibt es nichts Schöneres, als etwas zu schreiben, auf einen Knopf zu drücken, und dann sehen und verwenden es 20 Millionen Leute. Solche Leute gibt es in Österreich, speziell in Hagenberg, das ein interessantes Technologiezentrum wurde. Ich habe die zehn Kernleute von Jajah genommen, die übersiedeln von überall her in die Solar City in Linz und machen Jumio. Dort ist das Entwicklungszentrum und das europäische Marketing.

Standard: Ihre Rolle versteht sich also von Anfang an so, dass Sie das Projekt am Ende verkaufen?

Mattes: Genau, Jumio ist ein Vier-, Fünf-Jahres-Projekt, und dann werden wir schauen, was passiert.

Standard: Wer finanziert das?

Mattes: Ich bin in vertraulichen Gesprächen mit Investoren. Jedenfalls ist seit dem Jajah-Exit die Finanzierung wesentlich einfacher geworden.

Standard: Warum muss man trotz einer vernetzten Welt noch immer nach Silicon Valley, um etwas zu erreichen?

Mattes: Wenn ich in Silicon Valley in der Früh zum Starbucks gehe, laufe ich schon an drei Investoren und fünf Entrepreneurs vorbei. Jeder ist dort entweder Unternehmer oder Investor oder irgendein Zuarbeiter für einen Entrepreneur, etwas anderes gibt es dort nicht. Die treffe ich beim Frühstück, beim Mittagessen, auf der Straße. Das ist eine Petrischale für Tech-Start-ups, so etwas gibt es hier nicht. Wenn ich hier in Wien zum Starbucks gehe, bin ich ein Alien.

Standard: Was würden Sie einem jungen Hagenberger raten, der Ihren Weg gehen will?

Mattes: Wenn man es wirklich ernst meint, muss man rübergehen und in diese Netzwerke reinkommen, dafür gibt es jeden Tag Events. EinStart-up soll sich überlegen, wann und an wen es verkaufen will, dementsprechend muss man auch seine Technologie disponieren. Und man soll sich nicht hinsetzen und hoffen, dass man eine Zehn-Milliarden-Firma baut, sondern besser zehn Firmen, die man um 100 Millionen verkauft. Das ist realistischer. (Das Gespräch führte Helmut Spudich, DER STANDARD Printausgabe, 18. August 2010)

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Jumio

  • Daniel Mattes (38, in Freiburg und Wels aufgewachsen) gründete u.a. 1999 Auftrag.at, 2005 mit Roman Scharf Jajah für Internet-Telefonie, 2010 Jumio für Online-Zahlungen. Mattes lebt in Kalifornien und Linz, verheiratet, eine Tochter.
    foto: standard

    Daniel Mattes (38, in Freiburg und Wels aufgewachsen) gründete u.a. 1999 Auftrag.at, 2005 mit Roman Scharf Jajah für Internet-Telefonie, 2010 Jumio für Online-Zahlungen. Mattes lebt in Kalifornien und Linz, verheiratet, eine Tochter.

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