Tech-Start-ups

Warum man weiterhin nach Silicon Valley gehen muss

17. August 2010, 18:14
  • Artikelbild
    foto: standard

    Daniel Mattes (38, in Freiburg und Wels aufgewachsen) gründete u.a. 1999 Auftrag.at, 2005 mit Roman Scharf Jajah für Internet-Telefonie, 2010 Jumio für Online-Zahlungen. Mattes lebt in Kalifornien und Linz, verheiratet, eine Tochter.

Jajah-Mitgründer Daniel Mattes im Interview

Standard: Ende 2009 haben Sie das von Ihnen mitgegründete Jajah um rund 200 Millionen Dollar an O2 verkauft, jetzt basteln Sie schon wieder an einer neuen Firma. Was können wir von Jumio erwarten?

Mattes: Nachdem Jajah verkauft worden ist, habe ich mich neu orientiert und lange den Internetmarkt analysiert. Ich wollte etwas machen, was erstens "disruptive" ist und zweitens ein ungelöstes Problem löst. Dabei haben sich drei Bereiche herauskristallisiert.

Den ersten nenne ich "legitimate content" . Wenn man etwas sucht, findet man wahnsinnig viele Webseiten, die User nur auf eine Seite locken sollen, um Geld zu machen. Die wirklich wichtigen und guten Seiten muss man selbst herausfiltern. Das zweite Thema war Hyperlocal - das Internet ist zwar groß, aber ein Lokal wie dieses hier, das Griensteidl, kann nicht wirklich etwas damit anfangen.

Und das dritte ist der Bezahlbereich. Es gibt organisierte Kriminalität mit tausenden gestohlenen Kreditkarteninformationen, auf der Suche, diese in echtes Geld umwandeln zu können. Dafür ist eine virtuelle Ware wie Telefonie ideal: Man lädt beispielsweise 100 Dollar auf einen Skype-Account und verkauft die Zugangsdaten dazu auf der Straße um 20 Dollar. Das Risiko bei all diesen Transaktionen liegt nicht bei der Kreditkartenfirma, sondern beim Anbieter.

Standard: Warum nicht bei der Kreditkartenfirma?

Mattes: Es gibt zwei Arten von Transaktionen. Wenn Sie in diesem Café hier zahlen, eine "Swiped Transaction" , liegt das Risiko bei der Kartenfirma. Aber Online, wenn es keine Präsenz gibt, liegt das volle Risiko beim jeweiligen Anbieter. Der Kreditkartenbetrug beträgt in den USA200 Milliarden Dollar, das ist etwa so viel, wie alle US-Haushalte zusammen für Energie ausgeben.

Standard: Und worauf konzentriert sich jetzt Jumio?

Mattes: Bei "legitimate content" gibt es Ansätze zur Lösung. Das Problem ist dabei, dass man gegen die ganz Großen antreten muss. Einen richtigen Kampf mit Microsoft oder Google wollte ich mir nicht anfangen, das wäre eher eine prophetische Aufgabe zu sagen: Ich räume das Internet auf. Dann war da der Bereich Hyperlocal, der ist sehr spannend, aber ich habe nicht das passende Produkt dazu gefunden.

Somit bleibt der Payment-Bereich, der mir gefällt, weil die Eintrittsbarrieren sehr hoch sind. Da kann sich nicht jeder Student einen Server unter sein Bett stellen, denn es gibt strenge Regulierungen, und es bedarf einiges an Startkapital. Und es ist ein echter Massenmarkt, bezahlen betrifft jeden. Ich bin dann beimScouting auf zwei Israelis gestoßen, die 2008 eine sehr gute Technologie entwickelten, die aber ihrer Zeit etwas voraus war. Die beiden sind Ingenieure und keine Entrepreneure. Ich habe mich ins Flugzeug gesetzt und ihre Technologie gekauft. So ist Jumio entstanden.

Standard: Wie definieren Sie Ihre Rolle als Unternehmer?

Mattes: Ich bin einer, der eine gute Produktidee hat, die fällt nicht vom Himmel. Dann baue ich eine Sache von nichts zu einer bestimmten Größe auf.Dann ist es für mich nicht mehr so interessant, wenn es einmal eine Größe von 100 oder 120 Leuten und Organisationsstrukturen und Direktoren hat. Bei Start-ups gibt es hingegen noch Leute, die im Schlafsack im Büro schlafen, das macht Spaß.

Standard: Was machen Sie jetzt mit der Technologie, die Sie gekauft haben?

Mattes: Jetzt lege ich los. Es gibt ein Hauptquartier in Mountainview, Kalifornien, und dann habe ich Österreich für ein zweites Büro ausgesucht, weil es auch hier exzellente Leute gibt. Für einen echten Programmierer gibt es nichts Schöneres, als etwas zu schreiben, auf einen Knopf zu drücken, und dann sehen und verwenden es 20 Millionen Leute. Solche Leute gibt es in Österreich, speziell in Hagenberg, das ein interessantes Technologiezentrum wurde. Ich habe die zehn Kernleute von Jajah genommen, die übersiedeln von überall her in die Solar City in Linz und machen Jumio. Dort ist das Entwicklungszentrum und das europäische Marketing.

Standard: Ihre Rolle versteht sich also von Anfang an so, dass Sie das Projekt am Ende verkaufen?

Mattes: Genau, Jumio ist ein Vier-, Fünf-Jahres-Projekt, und dann werden wir schauen, was passiert.

Standard: Wer finanziert das?

Mattes: Ich bin in vertraulichen Gesprächen mit Investoren. Jedenfalls ist seit dem Jajah-Exit die Finanzierung wesentlich einfacher geworden.

Standard: Warum muss man trotz einer vernetzten Welt noch immer nach Silicon Valley, um etwas zu erreichen?

Mattes: Wenn ich in Silicon Valley in der Früh zum Starbucks gehe, laufe ich schon an drei Investoren und fünf Entrepreneurs vorbei. Jeder ist dort entweder Unternehmer oder Investor oder irgendein Zuarbeiter für einen Entrepreneur, etwas anderes gibt es dort nicht. Die treffe ich beim Frühstück, beim Mittagessen, auf der Straße. Das ist eine Petrischale für Tech-Start-ups, so etwas gibt es hier nicht. Wenn ich hier in Wien zum Starbucks gehe, bin ich ein Alien.

Standard: Was würden Sie einem jungen Hagenberger raten, der Ihren Weg gehen will?

Mattes: Wenn man es wirklich ernst meint, muss man rübergehen und in diese Netzwerke reinkommen, dafür gibt es jeden Tag Events. EinStart-up soll sich überlegen, wann und an wen es verkaufen will, dementsprechend muss man auch seine Technologie disponieren. Und man soll sich nicht hinsetzen und hoffen, dass man eine Zehn-Milliarden-Firma baut, sondern besser zehn Firmen, die man um 100 Millionen verkauft. Das ist realistischer. (Das Gespräch führte Helmut Spudich, DER STANDARD Printausgabe, 18. August 2010)

Link

Jumio

Kommentar posten
25 Postings
Dorothea Hofer
 
00
19.8.2010, 13:08

Wer macht bei Jumio das europäische Marketing?

2cents
00
19.8.2010, 13:18

die machen das inhouse und mit der agentur creatix (http://www.creatix.at/). die haben schon jajah begleitet.

SOWAS ABER AUCH!
00
25.8.2010, 08:32
Echt coole Bude!

hopper
00
18.8.2010, 23:36
Doch nicht bei Mattes

dass jetzt ist ja erst seine 3. oder 4. Firma.

Witzigerweise, verschwinden die Firmen hinter seinen Produkten sobald die Titel verkauft sind.

Eigenartig, was ihm das wohl bringt?

Vlt macht er es ja immer noch wie damals mit der Qubus, die wurde auch kurz nachdem er die Lizenzen verkauft hatte in den Konkurs gestoßen und die Mitarbeit durften sich beim Masseverwalter um ihre offenen Löhne anstellen

siliconvalley
00
19.8.2010, 01:02

was war das mit Qubus?

Jajah scheint sehr gut zu laufen.

Leech
00
18.8.2010, 16:50

Das schönste an einem Startup is ja das man die Leute (die im Büro schlafen) unterdurchschnittlich bezahlen kann. Weil, is ja nur ein startup und wir ham ja eh schon kein geld und wissen ned was morgen noch is....

Also werden da die hellen köpfe von den Unis und FHs abgezogen um sie dann ein paar Jahre später ausgebeutet und ausgebrannt wieder zu entsorgen.

sjcx
00
19.8.2010, 10:56

weder ausgebrannt, noch ausgebeutet sondern an erfahrung und materiell signifikant reicher. der neid ist ein hund.

Christian H. Leeb
 
01
18.8.2010, 15:53
Austria

meine kleine Erfahrung:
wenn ich in Oesterreich eine Idee habe, dann sagen mir 10 Leute 10 Argumente warum es NICHT geht.
Dafuer kommen andere 10 Leute, die sagen, welche 10 foerderungen eventuell passen koennten. Nur die passen NIE zur Idee.
Wir in Oesterreich sind halt besser in der Mozartkugelproduktion und im Schifahren. Mit Internet und neuen Technologien haben wir nicht so viel am Hut.
Daher ist fuer mich klar: nicht mehr reden, sondern tun. Von mir aus ueberall auf dieser Welt.

fat albert1
01
18.8.2010, 18:56

Bin zwar nicht selbstständig, aber trotzdem tagtäglich mit dem Sch... konfrontiert. V.a. wenn man d. Kooperation einer Behörde benötigt, stösst man rasch auf Granit. Kassieren ohne zu arbeitet lautet die Devise.
Diese ganzen Jungunternehmer-Initiativen sind die reinste Frotzelei.

Christian H. Leeb
 
00
19.8.2010, 13:18

gut formuliert. vielleicht schaust dich mal um und vernetzt dich mit anderen leuten, die was tun. biete mich hierzu gerne an.
einfach auf den netzen: http://eee.am/cleeb oder auch per mail: cleeb@web.de

lg
chris

BabbleBoy
00
18.8.2010, 13:12

Ja, ja(h), erst mal auf die Kohle schauen, das mit dem Produkt ergibt sich irgendwann von selbst.

Harald Weiss | Wappwolf
01
18.8.2010, 09:37
Wappwolf aus Österreich launcht im Silicon Valley

yeah! wir haben einen slot auf der demo konferenz (demo.com) im silicon valley bekommen und wurden eingeladen unser produkt im september zu präsentieren.
noch heiße 3 wochen! schaut mal rein und haltet die daumen www.wappwolf.com "connecting apps to workflows"

will auchmal
 
00
22.8.2010, 00:39
Respekt!

Was kostet eigentlich so eine Teilnahme bei der DEMO?
Ich drücke die Daumen für den Launch.

Harald Weiss | Wappwolf
00
22.8.2010, 13:08
danke fürs daumendrücken

als auserwählte darf man dann 18000 USD überweisen.
oder anders gesagt: für die 6 minuten auf der bühne vor der weltpresse, tech-visionären, investoren und meinungsbildnern zahlt man pro minute 3000 dollar.
jedes ÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄHHHHHHHHHHH kostet geld...
daneben wird aber natürlich jede menge um das geld geboten...

fat albert1
00
18.8.2010, 18:59

Ich halt' euch die Daumen, sonst musst' es halt als Strassenmusiker versuchen ;)

seine mama
00
19.8.2010, 15:38

wappwolf hat ja eh ein solides gutes business dahinter, das schon gut funzt ;)

Pete
00
18.8.2010, 10:15

hmm..also wirklich schlau werd ich daraus nicht. Kannst du in ein paar sätzen erklären was genau man damit machen kann?

u btw: alles gute im sv

Harald Weiss | Wappwolf
01
18.8.2010, 10:22
wappwolf connecting apps to flow

Einerseits können Softwareentwickler dort Anwendungen für den geschäftlichen oder den privaten Bereich anbieten, die von Wappwolf gehostet werden. Mittels der "Workflow-Engine" können die einzelnen Apps aus der Cloud zu einer Folge von Arbeitsschritten, also einem Workflow, verknüpft werden. Der "Rohstoff", der von den einzelnen Apps wie ein Produkt auf einem Fabriks-Fließband verarbeitet wird, sind Dokumente. Ein Dokument kann beispielsweise erst mittels Screenshot in ein Bild umgewandelt und dann auf Flickr hochgeladen werden. Die entstandenen App-Ketten können dann wieder separat gespeichert werden. Das könnte beispielsweise automatisiertes E-Invoicing für eine breite Front an Unternehmen leichter machen. http://youtube.com/wappwolf

thafritz
00
18.8.2010, 10:10

ist das so ähnlich wie piping in der linux commandline?

nenn mir mal ein bsp. welche 2 gui apps man sinnvoll verbinden könnte, oder geht es da um aps die extra für diese assembly line geschrieben werden?

SpaceDudeAlien
10
17.8.2010, 18:27
10 mal 100 Millionen ist nicht 10 Milliarden...

würds aber trotzdem nehmen

:
05
17.8.2010, 20:38

drum ist es ja um so viel realistischer, sie blitzgneisser

Hamad Leomic
00
18.8.2010, 09:34
Ich gebe sogar noch eine realistischere Prognose ab

Man gründet 20 Firmen und treibt alle in den Konkurs! Die Wahrscheinlichkeit ist gemessen an diesen Summen wohl höher!

Hab ich jetzt 200 Mil. gewonnen?

Er staunt
01
18.8.2010, 13:30

Mit dieser Strategie werden sie bestenfalls hier in Österreich als Teppichhändler oder Politiker zu Wohlstand kommen ... ;-)

tomatensaft
 
00
19.8.2010, 10:37
Jo...

...das sind man an den ehemaligen Geschäftsführern von untergegangenen Baufirmen. Um 300000 Euros 10 GmbHs gründen, eine nach der anderen pleite gehen lassen... und danach eine ruhige Kugel schieben :-) Und selbst wenn man in Häfn kommt - wenn's wirklich viel Geld war (was sind da schon 2 Jahre Knast?), daß man nicht gerade auf einem bekannten Bankkonto liegen hatte, kriegen's auch noch Notstandshilfe, weil man die Schulden ja privat nie zurückzahlen kann :-)

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.