"Bürgerrechte basierten immer auf Rasse"

17. August 2010, 17:32
169 Postings

Historikerin Aviva Chomsky im STANDARD-Interview über Washingtons Einwanderungspolitik

Warum Einwanderungsbeschränkungen auf die Staatsbürgerschaft per Geburt zurückgehen und Kaffeeanbau in Vietnam Mexikaner in die USA zwingt, erklärt Historikerin Aviva Chomsky im Gespräch mit Tobias Müller.

*****

STANDARD: Die USA waren immer ein Einwanderungsland - heute sind laut Gallup-Umfrage 52 Prozent der Amerikaner für weniger Immigration. Hat sich die Einstellung zu Immigranten geändert?

Chomsky: Die USA wurden von weißen englischen Einwanderern gegründet, und zwar für weiße englische Einwanderer. Die beiden anderen Gruppen, die Afroamerikaner und die Ureinwohner, wurden auch damals schon ausgeschlossen. Bürgerrechte und Staatsbürgerschaft basierten immer schon auf Rasse. 1868 beschloss der Kongress, dass derjenige Staatsbürger wird, der hier geboren wird. Damit konnte auf einmal Staatsbürgerschaft nicht mehr an Rasse gekoppelt werden. Kurz danach wurden die ersten Einwanderungsbeschränkungen erlassen. Da es nicht mehr möglich war, Nichtweiße von der Staatsbürgerschaft auszuschließen, mussten sie gehindert werden, ins Land zu kommen.

STANDARD: Was ist der Unterschied zwischen früheren und der aktuellen Einwanderungswelle?

Chomsky: Die Menschen, die heute kommen, haben viele Gemeinsamkeiten mit den Afroamerikanern. Die meisten sind nicht weiß und kommen aus Ländern, die von den USA kolonialisiert oder unterdrückt wurden. Das unterscheidet sie von den europäischen Einwanderern, die nie diese Erfahrung gemacht haben. Außerdem sind die meisten Europäer gekommen, als die Industrie in den USA stark gewachsen ist und Schienenverleger und Bergwerksarbeiter gebraucht wurden. Heute schrumpft die Industrie, Billigarbeitskräfte werden eher im Service-Sektor gebraucht. Damals wie heute sind aber viele gekommen, die eigentlich bald wieder zurückgehen wollen. Oft gelingt das aber nicht.

STANDARD: Die Debatte in den USA dreht sich nicht um Einwanderer generell, sondern um illegale Einwanderer. Warum ist die Angst vor ihnen größer?

Chomsky: Erst einmal müssen wir festhalten: Die Kategorie illegal ist historisch und sozial konstruiert, so wie die Unberührbaren im indischen Kastenwesen. Beide wurden kreiert, weil sie uns nutzen: Sie schaffen eine Gruppe von Menschen, die die Drecksarbeit machen, etwa in der Landwirtschaft oder der Fastfood-Industrie. Das Problem mit den Illegalen ist nicht, dass sie kommen - das Problem ist, dass wir eine Gruppe Menschen geschaffen haben, die keine Rechte haben.

STANDARD: Immer wieder wird debattiert, ob sich die aktuellen Einwanderern schlechter integrieren als frühere. Stimmt das?

Chomsky: Das ist so, wie wenn Sie ein Gesetz erlassen, das bestimmten Menschen verbietet, aufs College zu gehen, und Sie sich dann beschweren, dass diese Leute schlecht ausgebildet sind. Wer illegal ist, kann sich nicht integrieren. Außerdem müssen wir historische Muster betrachten: Die erste Generation der Einwanderer lernt nicht gut Englisch, wenn sie bereits über 35 sind, wenn sie einwandern. Deren Kinder sind dann aber meist zweisprachig, die dritte Generation spricht dann nur mehr Englisch. Das gilt für die Italiener zu Beginn des 20. Jahrhunderts genauso wie für die Mexikaner heute. Weil wir aber gerade mitten in einer starken Einwanderungswelle sind, kommt es den Leuten so vor, dass die neuen Immigranten nicht Englisch lernen.

STANDARD: Wie sollte sich die US-Einwanderungspolitik ändern?

Chomsky: Uns sollte klar sein, dass es die längste Zeit in der amerikanischen Geschichte überhaupt keine Einwanderungsbeschränkungen gab. Das ist zwar illusorisch, trotzdem müssen viele Schritte der vergangenen 20 Jahre zurückgenommen werden. Die Einwanderungsbeschränkungen der 90er haben aus einer saisonalen Migration eine dauerhafte gemacht - weil die Leute nicht mehr einfach hin und her können, siedeln sie sich an. Und einer der Hauptgründe, dass heute so viele Menschen kommen, ist kurioserweise, dass die USA den Kaffeeanbau in Vietnam forcieren. Das hat zu einem Crash des Kaffeemarkts geführt und dazu, dass Südamerikaner und Mexikaner nicht mehr in ihrem Land überleben können. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.8.2010)

AVIVA CHOMSKY ist Professorin für amerikanische Geschichte an der Salem University bei Boston. 2007 erschien ihr Buch ",They take our Jobs' and 20 other myths about immigration". Ihr Vater ist der Linguist und radikale Kritiker der US-Außen- und Wirtschaftspolitik Noam Chomsky.

  • Bild nicht mehr verfügbar
    Ein Fahrzeug der US Border Patrol fährt entlang des Grenzzauns zwischen Arizona und Mexiko.
Share if you care.