Erdrutschgefahr war bekannt

16. August 2010, 20:35
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Experten in China sollen vor Katastrophe gewarnt haben

Peking hatte eine Woche nach der verheerenden Schlamm- und Gerölllawine, die das dichtbesiedelte Kreiszentrum Zhouqu in Gansu verwüstete, am Sonntag Staatstrauer für die mehr als 1750 Toten und Vermissten angeordnet. Zehntausende nahmen an dem im Fernsehen live übertragenen Trauerfeiern teil.

Innerhalb von weniger als drei Jahren hat Chinas Regierung damit zum dritten Mal Nationaltrauer für die Opfer von Naturkatastrophen anordnen müssen. Im Mai 2008 waren nach dem Erdbeben in Sichuan 87.000 Tote und Vermisste gemeldet worden, tausende Opfer waren auch nach einem Beben am 21. April 2010 in Yushu zu beklagen gewesen.

Chinas Meteorologen kündigten unterdessen neue Unwetter für die geschundene Region an. Geologen und Umweltschützer sind sich einig, dass zwar Naturgewalten die Katastrophen ausgelöst hatten, ihre Folgen seien aber durch hausgemachte Gründe so verheerend ausgefallen. Am schlimmsten wirken sich demnach der Kahlschlag der Wälder und die Erosion aus. Im 3000 Quadratkilometer großen Unglückskreis Zhouqu wurden nach der amtlichen Chronik des Kreisamts von 1952 bis 1990 rund 130.000 Hektar Wald (entspricht etwa der halben Fläche Vorarlbergs, Anm.) gefällt und die Ackerbauflächen auf mehr als 14.000 Hektar verdoppelt. Ein Boom an Dammbauten hat die Erosion verschärft.

Dabei galt der Kreis Zhouqu mit mehr als 130.000 Bewohnern immer als von Bergrutschen hochgefährdete Region. Chinesische Medien enthüllten, dass regionale Experten oftmals vor drohenden Gefahren gewarnt hatten. Nach dem Sichuan-Erdbeben hatten sie 2009 bei der Regierung für einen Teilumzug besonders gefährdeter Gebiete plädiert. Die veranschlagten Kosten von umgerechnet zehn Millionen Euro hätte der Kreis allein nicht auftreiben können. Doch es geschah nichts. "Wie viele Zhouqu-Unglücke werden noch über uns kommen?", fragt Südchinas Wochenzeitschrift Nanfang Zhoumo - und berichtet, dass Geologen landesweit 16.000 ähnliche Gefahrenstellen identifiziert hätten. Sieben Millionen Menschen seien potenziell gefährdet. (Johnny Erling, DER STANDARD, Printausgabe, 17.8.2010)

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