Spendenrassismus

16. August 2010, 19:26
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Die Bereitschaft, Pakistan zu helfen, leidet unter den geopolitischen Gegebenheiten

Vielleicht ändert sich ja die Lage, wenn die Europäer, die Österreicher aus ihren Urlaubsorten zurückströmen: Vielleicht holen sie sich dann einen Erlagschein und spenden für Pakistan. Das haben sie immerhin beim Erdbeben 2005 auch getan - wobei ein Erdbeben sich als katastrophales Elementarereignis wahrscheinlich leichter verkauft als eine Flut: Hochwasser gibt es immerhin bei uns auch.

Es mag sein, dass deshalb die Uno so energisch auftritt, um Ausmaß von zerstörtem Gebiet und Anzahl betroffener Menschen in Pakistan in Relation zu setzen: schlimmer als der Tsunami 2004 und das Erdbeben in Haiti im Jänner 2010. Und für Haiti etwa hat eine SMS-Spendenaktion in den USA innerhalb weniger Tage Millionen Dollar aufgestellt. Für Pakistan waren es im gleichen Zeitraum 12.000 Dollar.

Manche werden hier an das Element Korruption erinnern: In Pakistan selbst sind die Medien voll von Berichten, die die Beträge nennen, die von den Geldern der Erdbebenhilfe in dunklen Kanälen verschwunden sind. Aber ist das Vertrauen der internationalen Gemeinschaft, dass in Haiti alles die Bevölkerung erreicht, wirklich größer? Das ist nicht anzunehmen.

Vielleicht war 2005, als die westliche Welt großzügig für die pakistanischen Erdbebenopfer spendete, für viele Spender Pakistan gewissermaßen noch auf keiner politischen Landkarte verortet: Das waren "arme Teufel", denen geholfen werden musste, wie jene 2010 in Haiti. Das hat sich geändert, seitdem Pakistan mit dem Afghanistan-Krieg mitgedacht wird, als "AfPak". Heute, das sprechen Hilfsorganisationen offen an, handeln die Bilder und Gedanken, die über Pakistan in den Köpfen umherschwirren, von Bomben und von Taliban. Da wird aus den armen Teufeln schnell eine einzige prekäre Masse, die nach der politischen Gewalt jetzt eben auch noch von Naturgewalten heimgesucht wird. Aber diese Menschen sind ohnehin nicht zu retten, und das ist ja vielleicht gar nicht einmal so schlecht: ein paar potenzielle Terroristen weniger.

Diese Formulierung ist selbstverständlich überspitzt und provokant. So denkt hoffentlich kein halbwegs menschenfreundlicher möglicher Spender. Aber die Bereitschaft, vom Unglück betroffenen Menschen, je nachdem wie man zu ihnen steht, eine Eigenverantwortung für ihr Unglück zuzuschieben, sitzt auf alle Fälle tief. Dafür muss man nicht bis nach Pakistan gehen, das findet man auch im eigenen Lande.

Im Ausland kommt aber noch etwas dazu. Unbewusst, manchmal auch ganz offen, werden Bevölkerungen für die politischen Verhältnisse, unter denen sie leben und leiden, verantwortlich gemacht. Wenn sie es anders wollten, würden sie es doch ändern, nicht wahr? Die Taliban kommen doch nicht von ungefähr, nicht wahr? Vom Westen werden Diktatur und Gewalt gerade in islamischen Ländern als kulturimmanent angesehen - während sie in einem anderen - das heißt dem eigenen - Kulturkreis als bedauerlicher Irrtum abgetan werden. Wenn man sie nicht ganz beiseiteschiebt.

Wobei die Grenzen dieser kulturell-politischen Bezirke im Kopf je nach geopolitischer Lage durchaus verschiebbar sind. Während der Balkankriege war das "Auf dem Balkan ist eben nie eine Ruhe" noch en vogue. Heute wird der Balkan kulturell eher einverleibt. Und wer weiß, ob Pakistan nicht einmal als "abrahamitisches" Land zu uns gehören wird, wenn es um eine - reale oder imaginierte - "gelbe Gefahr" oder Ähnliches geht. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, Printausgabe 17.8.2010)

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