Die Prölliade der Woche

16. August 2010, 19:25
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Einen Aufmacher, der nachhaltig zum Denken anregte, servierte am Wochenende die "Wiener Zeitung" - Motto: "Gut zu wissen" - ihren Leserinnen und Lesern: "Die weiße Weste Grassers hat einen Fleck weniger."

Einen Aufmacher, der nachhaltig zum Denken anregte, servierte am Wochenende die "Wiener Zeitung" - Motto: Gut zu wissen - ihren Leserinnen und Lesern: Die weiße Weste Grassers hat einen Fleck weniger. Eleganter hat es kein anderes Blatt geschafft, nach der Einstellung des Strafverfahrens in Sachen MIP und MEL gegen den Mann mit der superreinen Weste durch den indirekten Hinweis auf verbleibende Flecken Zweifel wachzuhalten und so ermunternd auf die Justiz einzuwirken.

Kaum weniger bewundernswert war der selbstlose Einsatz, mit dem Pröll Erwin der Öffentlichkeit in einem Aufwaschen den Wahnwitz des österreichischen Föderalismus und die hinterwäldlerische Brutalität selbsternannter Bildungspolitiker vor Augen führte, und das alles als Benefizveranstaltung für die Unterrichtsministerin. Ganz freiwillig war dieser Einsatz nicht, er dürfte der Fehleinschätzung entsprungen sein, das, was er mit Bundeskanzler Faymann gehabt habe, wäre eine Vereinbarung gewesen, deren Fixigkeit vor allem darin bestand, hinter dem Rücken Claudia Schmieds getroffen worden zu sein. "Österreich" fasste den Sachverhalt in dem Satz zusammen: Pröll war definitiv der Meinung, mit dem Kanzler einen Pakt zu haben.

Eine ähnliche kognitive Dissonanz hat ihn einmal schon dazu verleitet, definitiv der Meinung zu sein, er wäre der Präsidentschaftskandidat der Volkspartei. Seit der sich daraus ergebenden Frustration bewegt er sich etwas unrund durch die politische Landschaft, woran auch sein Statement nichts änderte, das es an Giftigkeit in sich hatte: "Mein Ansprechpartner war nie die Ministerin, sondern der Kanzler. Die Dame ist entwaffnend uninformiert - aber die gute Kinderstube verbietet dazu jeden Kommentar."

Hätte er die Berufung auf die gute Kinderstube ernst genommen, wäre seine Ansprechpartnerin von vornherein die zuständige Ministerin gewesen, was ihm definitiv zu der Meinung verholfen hätte, mit ihr keinen Pakt zu haben. Dann hätte er sich die Vermutung der "Kleinen Zeitung" erspart, die - Gute Ablenkung? - auf den gleichzeitigen Ermittlungsstopp im Fall der Millionenverluste seiner Hypo Niederösterreich hinwies.

Das war aber nicht alles an guter Presse. Die "Kleine Zeitung" erinnerte daran: Länder verteidigen letzte Bastion für Postenschacher, und: Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll setzt bei dieser unsinnigen Regelung noch eins drauf. Michael Fleischhacker in der "Presse" konzedierte: Erwin Pröll hat es weniger mit der Macht der Ideen als mit der Idee der Macht. Derzeit ist er der Vorsitzende der Landeshauptleutekonferenz, was in seiner Vorstellung von Realverfassung ungefähr die Zusammenlegung der Ämter des Bundespräsidenten, des Bundeskanzlers, des Chefdirigenten von Grafenegg und des Volksschuldirektors von Radlbrunn bedeutet. Als solcher über Kleinigkeiten erhaben, regte er zu dem Schluss an: Dass der Landeshauptmann von Niederösterreich den Unterschied zwischen einer Mitteilung und einer Vereinbarung nicht kennt, darf man ihm angesichts seines Mangels an Erfahrung mit herkömmlichen demokratischen Prozessen nicht übel nehmen.

Und was Peter Rabl im "Kurier" konstatierte, war ein direkter Angriff auf die Mannesehre: Erwin Pröll hat sich aber in der Sache offenbar übernommen ... Die gute Nachricht am Ende dieser auch in der Schulpolitik turbulenten Woche ist, dass Claudia Schmied im Amt bleibt und offenbar durch die Prölliade zusätzlich motiviert ist.

Menschlich berührend, dass selbst Pröll Erwins Leibblatt nicht anders konnte, als sich auf Claudia Schmieds Seite zu schlagen, wobei Jeannées Beteuerungen seiner Ignoranz als Entschuldigung dienen sollten. Mir persönlich isses völlig wurscht, ob unsere Lehrer nun von den Landeshauptleuten oder vom Bund gegängelt, Pardon: geführt werden, aber Sie, Sie sind mir nicht egal. Weil Sie, seit im Amte, in Sachen Kultur und Bildung immer wieder ressortreife Kompetenz und Courage bewiesen haben. Das hat dem Schatzgräber im Silbersee noch niemand vorgeworfen.

Liebe Frau Schmied, so Jeannée weiter, bezüglich des Für und Wider im aktuellen Streit um Landes- oder Bundespauker mögen die Meinungen zur Recht oder zu Unrecht (was weiß ich) auseinandergehen. Sie haben sich nun einmal auf die Variante Bundespauker festgelegt, und dabei soll es auch bleiben. Das sind Sie Ihrer beträchtlichen Fan-Gemeinde in Österreich schuldig. Die sollte sie sogar vor Faymann schützen. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 17.8.2010)

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