Sorge um resistente Bakterien

16. August 2010, 18:55
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Infektiologe: Kaum Entwicklung neuer Antibiotika

Brüssel/Innsbruck/Wien - Nach Entdeckung des gegen praktisch alle Arten von Antibiotika resistenten Bakterien-Gens NDM-1 beschäftigt die Fachwelt die Frage, wie gefährlich die Situation ist. Britische Forscher meinen angesichts der Entdeckung, es drohe ein "weltweites Gesundheitsproblem". Ein australischer Arzt nannte die bisher in Krankenhäusern entdeckten Fälle von Infektionen mit dem Keim "nur die Spitze des Eisbergs". Der österreichische Infektiologe Wolfgang Graninger vom Wiener AKH sprach dagegen von einer "absehbaren Entwicklung" und beschwichtigte, der Keim könne durchaus noch in Schach gehalten werden.

Infektiologe Günter Weiss von der Uni-Klinik Innsbruck bekräftigt, dass es sehr wohl noch Mittel gegen diesen Keim gebe. Wie berichtet, existiert eine Behandlungsmöglichkeit gegen das Bakterium mit den Antibiotika Tigezyklin und Colistin - "alten Substanzen", wie Weiss erklärt. So konnte etwa ein infizierter Mann in Belgien erfolgreich behandelt werden.

Dass gegen Medikamente resistente Keime auftauchen, ist nichts Neues. Das Problem existiert praktisch, seit es Antibiotika gibt. "Problematisch ist, dass es für die Pharma-Unternehmen nicht attraktiv ist, neue Antibiotika zu entwickeln", sagt Weiss. Antibiotika würden zum Beispiel nicht so oft gebraucht wie blutdrucksenkende Mittel. Ihre Entwicklung sei daher zu kostspielig für die Pharmaindustrie. Das meiste, was neu auf den Markt komme, seien alte Substanzen, die man in ihrer Wirksamkeit zu verbessern versuche.

Resistenz übertragbar

Die Art von Erregern, deren erfolglose Bekämpfung in Brüssel zu einem Todesfall führte, ist laut Weiss seit 2003 bekannt. Sie sei nicht nur in Pakistan und Indien, sondern auch schon in Griechenland und im arabischen Raum aufgetaucht. Die Gefahr für die Entwicklung resistenter Keime gegen Antibiotika besteht vor allem in Ländern, wo Antibiotika falsch, in zu geringen Dosen oder zu lange eingenommen werden. Die Keime können laut Weiss zudem ihre Widerstandsfähigkeit auch auf andere Keime übertragen. (Gudrun Springer/DER STANDARD, Printausgabe, 17.08.2010)

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