Mit "heißem Herzen" auf Angela Merkels Titanic

16. August 2010, 18:38
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Steffen Seibert, neuer Sprecher der Bundesregierung, absolvierte seinen ersten Auftritt

Nervös absolviert Ex-ZDF-Moderator Steffen Seibert seinen ersten Auftritt als Regierungssprecher und lernt dabei: Irgendwas muss man immer wissen. Oder man muss zumindest so tun.

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Selbst wenn er wollte, könnte Steffen Seibert seine Aufregung gar nicht verbergen. Als er in Berlin das Haus der Bundespressekonferenz betritt, sind seine Wangen rot gefleckt. Im ZDF, früher, als er noch Moderator war, hätte man einfach drübergeschminkt. Aber diese Zeiten sind vorbei. Jetzt ist Seibert neuer Sprecher der deutschen Bundesregierung, und als solcher trägt man kein Make-up.

"Ich bin echt nervös, es ist wie vor dem Abitur und der Führerscheinprüfung. Ich hoffe, das hört mal auf", bekennt Seibert, als er vor den rund 150 Hauptstadt-Journalisten Platz nimmt, um seine erste Regierungspressekonferenz zu absolvieren. Regierungspressekonferenz, das bedeutet dreimal pro Woche: Der Sprecher der Kanzlerin und die Sprecher der Ministerien versuchen, die schwarz-gelbe Koalition möglichst gut darzustellen. Die Journalisten versuchen, möglichst viele Konflikte auszugraben.

Der Einstieg ist leicht: Die Bundesregierung habe die Hilfe für Pakistan aufgestockt, verkündet Seibert und erklärt alles ganz genau. Irgendwie hat man das Gefühl, es wird ein TV-Beitrag angekündigt. Das wäre vielleicht auch Seibert lieber, denn schon sind wir beim nächsten Thema, und das hat Stolperfallen-Potenzial. Derzeit verhandeln die AKW-Betreiber mit der Regierung über eine Brennelemente-Steuer. Die gefällt den Energiebossen nicht, sie drohen, ihre alten AKWs abzuschalten.

Was denn Kanzlerin Angela Merkel dazu sage, will jemand wissen. "Es ist nicht sinnvoll, Drohgebärden nach außen dringen zu lassen", antwortet Seibert und liefert dem Fragesteller gleich eine Steilvorlage. "Aha", antwortet der, "es hat die Drohgebärden intern also gegeben." Hilfesuchend schaut sich Seibert um - und wird sogleich gerettet. "Laufende Gespräche, keine Auskünfte, Ergebnis abwarten", rattern die erprobten Sprecher von Umwelt- und Wirtschaftsministerium ihren Text herunter. Soll heißen: Wir sagen nichts, aber das blumig.

Welche Themen Merkel am Donnerstag mit dem tschechischen Premier Petr Necas besprechen wird, will dann ein Kollege wissen. Darüber werde man wohl erst nach dem Treffen reden, meint Seibert ein wenig schnippisch. Schweigen im Saal, bis dem Neuen erklärt wird, dass es üblich sei, schon vorher die Themen anzukündigen. "Aha", sagt Seibert.

Doch es gibt auch Fragen, die Seibert bereits ganz leicht beantworten kann. Ob er gerne vom ZDF zu Merkel gewechselt sei, was die Linkspartei mit den Worten "Willkommen auf der Titanic" quittiert habe. "Mit heißem Herzen", sagt Seibert. Und als Titanic sehe er Merkels Regierung trotz der miesen Umfragewerte nicht, sondern als "sehr seetüchtig". (Birgit Baumann aus Berlin /DER STANDARD, Printausgabe, 17.8.2010)

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    Angela Merkel präsentiert ihren "Neuen": Steffen Seibert, vormals beim ZDF, soll ihre Politik nun gut verkaufen.

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