Der Countdown zur ORF-Wahl läuft

16. August 2010, 19:11
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Vor vier Jahren wählte eine Koalition aus Rot, Grün, Rechts und Unabhängigen den Sozialdemokraten Alexander Wrabetz zum General - Ein Jahr vor der ORF-Wahl kursieren neue Koalitionen gegen ihn

Dienstag unterzeichnet ORF-Chef Alexander Wrabetz den neuen TV-Vertrag mit der österreichischen Bundesliga. Für eine seit Wochen laufende Spielsaison plus zwei weitere.

Das Timing ist typisch für Wrabetz - auch wenn bei der Liga die Grundsatzentscheidung für ORF und Sky längst gefallen war und man nur über Spielpläne stritt: Der General schiebt Entscheidungen vor sich her. Geht es schnell, steht nicht selten (politischer) Druck dahinter: Der bürgerliche Richard Grasl musste im Herbst 2009 Finanzdirektor werden. Nun soll der Kanzlerwunsch Karl Amon im September noch rasch die Radiodirektion übernehmen. Bevor die SPÖ womöglich mit der Landtagswahl in der Steiermark im September einen roten Stiftungsrat an die ÖVP verliert. Dann stünde es statt 15 Rote gegen zwölf Schwarze plötzlich 14 zu 13.

18 Stiftungsräte braucht es, um Direktoren und Generäle zu wählen - jede Enthaltung senkt das Quorum. In einem Jahr bestimmen die 35 Stiftungsräte den ORF-Chef für die nächsten fünf Jahre. Mit den Wahlen in der Steiermark stehen auch die Mehrheitsverhältnisse für die Generalswahl.

Zwar sollen sich Werner Faymann (SPÖ) und Erwin Pröll (ÖVP Niederösterreich) schon auf weitere fünf Jahre Wrabetz und Grasl ab 2012 als TV-Direktor geeinigt haben. Aber seit Wrabetz die Leitung der TV-Magazine entgegen seiner Zusage an die ÖVP besetzte und nun auch den Radiodirektor ausschrieb, wirken die Schwarzen in Sachen ORF wenig harmoniebedürftig. Und steht es tatsächlich 14 zu 13 im Stiftungsrat, sehen ORF-Kenner Chancen für neue Allianzen.

Kontrastprogramm

Grasl und Onlinedirektor Thomas Prantner, den Wrabetz zweimal erfolglos absetzen wollte, könnten versuchen, eine Art Jamaika-Koalition gegen die SPÖ zu formen - wie 2006 Wrabetz seinen "Regenbogen" aus Rot, Orange, Blau, Grün und Unabhängigen gegen die ÖVP. Intern positioniert sich Grasl als Kontrastprogramm zu Wrabetz: Selbst der Sympathie fürs Bürgerliche Unverdächtige staunen über rasche Lösungen des Finanzdirektors.

Grasl versicherte, er trete 2011 nicht gegen Wrabetz an. Er wäre nicht der erste ORF-Direktor, der seine Meinung ändert. Ebenso hoch schätzen ORF-Taktiker aber die Chancen, dass sich SPÖ und ÖVP bis zum ORF-Wahlsommer 2011 zusammenraufen.

Konkurrenz droht Wrabetz aber auch aus dem eigenen Lager. Kanzler Werner Faymann wünschte sich 2008/09 TV-Chefredakteur Amon statt Wrabetz an die ORF-Spitze, damals ohne Erfolg. Amon winkte bisher ab. Nun muss Wrabetz seinen möglichen Mitbewerber ins Direktorium hieven. Von dort fehlt nur noch eine Stufe zum General.

Unverdrossen hoffen nicht wenige ORFler auf die Rückkehr von RTL-Chef Gerhard Zeiler auf den Küniglberg. Der hat schon 1995 bis 1998 als ORF-General gezeigt, dass er's kann. Zeilers RTL-Vertrag steht 2011 zur Verlängerung an. (Harald Fidler, DER STANDARD; Printausgabe, 17.8.2010)

Nachlese
Die ORF-Kandidaten - Ein Überblick in einer Ansichtssache

Die Bilanz des Alexander Wrabetz

Minus: Die TV-Marktanteile brachen mit Alexander Wrabetz' "größter Programmreform aller Zeiten" am 10. April 2007 ein (Grafik links). Der Umstieg auf digitales Antennenfernsehen trieb das Publikum zum digitalen Satellitenempfang - mit vielfach mehr Konkurrenzsendern, auch das kostet Quote.

Minus: Wrabetz besetzte sein Management nach Wünschen von Fraktionen, die seine Wahl ermöglicht hatten: Elmar Oberhauser (Info), Willy Mitsche (Radio), Thomas Prantner (Online). Die Finanzdirektorin musste er auf VP-Drängen gegen Richard Grasl tauschen, nun auf SP-Wunsch Mitsche gegen Karl Amon. Pius Strobl als Quasi-Generalsekretär nahm das ohnehin unharmonische Team als Kriegserklärung.

Plus: In EU-Wettbewerbsverfahren und ORF-Gesetz handelte Wrabetz das Maximum für den ORF heraus - etwa 160 Gebührenmillionen Euro extra.

Plus: Wrabetz begann ernsthaft zu sparen, kam von dramatischen Verlusten wieder zu ausgeglichenen Ergebnissen.

Plus: Die TV-Information wirkt freier, vielfältiger als zuvor.

Minus: Die Marktanteile der ORF-Radios gingen nur leicht (von 79 auf 76 Prozent) zurück.

Plus: ORF.at stieg (mit dem Markt) von drei auf 4,7 Millionen Unique Clients.

Minus: Die Entscheidung über neue Struktur und neuen Standort wird laufend vertagt.

  • Mit Wrabetz ging's steil bergab: Die TV-Marktanteile der ORF-Generäle.
    grafik: standard

    Mit Wrabetz ging's steil bergab: Die TV-Marktanteile der ORF-Generäle.

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    ORF-General Wrabetz.

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