Die Zügelung des theatralen Temperaments

16. August 2010, 17:46
27 Postings

In stimmlich fragiler Verfassung absolviert Rolando Villazón sein Salzburger Konzert

Salzburg - Wenn's nicht läuft, ist das schon an Äußerlichkeiten diagnostizierbar: Schumanns Dichterliebe wurde in den zweiten Konzertteil verlegt, machte Platz für effektvolle Leichtigkeiten von Duparc, Tosti, Fauré, Massenet und Obradors. Die Pause dauerte sehr lange, dafür hörte man Rolando Villazón nach einem Abgang (während des Konzertes) hinter der Bühne eine hohe Note singen, als wollte er testen, ob er's noch packt. Nach vollbrachtem Liederabend sah er nur in Ansätzen erleichtert aus und ließ das Auditorium ohne Zugabe zurück. Die Blumen und Geschenke, die Villazón gereicht wurden, konnten den Eindruck nicht mildern, hier sei einer froh, überlebt zu haben.

Immerhin hat er das (im Juli musste er in München zwei Abende absagen; unlängst brach er in Kopenhagen ein Konzert nach drei Nummern ab); und nicht immer merkte man ihm im Großen Festspielhaus die Qualen an. Hatte er sich einmal auf einer hohen Note festgesetzt, strömte sie auch mit beachtlicher Schönheit dahin. So bringt Villazón ein Lied wie Le manoir de Rosemonte (Duparc) sehr anständig in Sicherheit. Eine Ausnahme allerdings, von denen es zu wenige gab.

Im Grunde war seine Salzburger Rückkehr geprägt von unentschlossenem, unausgewogenem Ausdruck; Villazón schien mehr durch die fragile Verfassung seiner Stimme und weniger durch Gestaltungsmöglichkeiten gelenkt. So standen lyrische Passagen neben opernhaft-derben Effekten, gelungene Phrasen neben leblosen Versionen von Liedern, bei denen die Interpretation aus technischer Gelassenheit erwachsen sollte. Sicher: Villazón versucht, sein theatral-pathetisches Temperament, das seinem Material nichts Gutes tut und ein Mitgrund für die Stimmkrisen war, zu zügeln. Die Dosierung will aber nicht durchgehend gelingen und verstärkt den Eindruck von interpretatorischer Zufälligkeit.

Bei der Dichterliebe kommt noch der Kampf mit dem Wort hinzu. Eine akzentvolle Aussprache führt zu seltsamen Farben und Betonungen (ein Wort wie "gut" etwa klingt dann unfreiwillig wie "guard"). Schließlich ergeben das Fehlen von Leichtigkeit und Ausflüge ins Derbe den Rest und lassen die Wahl dieses Liederzyklus als übermütig und absurd erscheinen. Immerhin konnte man das Klavierspiel von Begleiter Gernot Huber (Starpianistin Helene Grimaud hatte abgesagt) als stilvollen Trost empfinden. Man wünscht ohne Anflug von Zynismus gute Besserung. Sie wird nötig sein, soll der Mexikaner im September an der Wiener Staatsoper als Rodolfo in La Bohème sein Glück erfolgreich herausfordern. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD - Printausgabe, 17. August 2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Villazón versucht, sein theatral-pathetisches Temperament, das ein Mitgrund für die Stimmkrise war, zu zügeln. Doch die Dosierung will nicht durchgehend gelingen.

Share if you care.