Verblichenes Reich eines fürsorglichen Tyrannen

16. August 2010, 16:03
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Tomás Bat'a versorgte die halbe Erde mit preiswerten Schuhen und formte seine mährische Heimatstadt um

Zlín - Man kann mit Fug und Recht sagen, dass Herz und Seele dieser Stadt im gläsernen Aufzug Tomás Bat'as in Haus 21, der ehemaligen Verwaltungszentrale der Firma, zu vermuten sind. Die Sonne taucht den außenliegenden Fahrstuhl, gleichzeitig Bat'as Büro, in ein gleißendes Licht. Von hier aus konnte der Chef auf Knopfdruck, ohne seinen Platz am Schreibtisch zu verlassen, in jede der 17 Etagen fahren, kontrollieren, dirigieren.

Bat'as klimatisiertes Fahrstuhlbüro, ausgestattet mit Waschbecken, Telefon und Weltkarte, steht heute still im Erdgeschoß, ein Ausstellungsstück. Zlín ist ja auch nicht mehr Schuh-Welthauptstadt. Aber vieles erinnert noch daran, dass der Schuhmacher Tomás Bat'a im Alter von 20 Jahren damit begann, diese verschlafene Kleinstadt dazu zu machen.

Fürsorglicher Tyrann

Der Mann war ein fürsorglicher Tyrann, ein Nationalheld, einer, der sich nicht vorstellen konnte, dass etwas wichtiger sein könnte, als dass ein immer größerer Teil der Menschheit in Bata-Schuhen umherliefe. Zu diesem Zweck reiste er rastlos umher, um von Zlín aus Satelliten seiner Schuhfabrik aus dem Boden zu stampfen, in Modulbauweise, wie zu Hause: Batadorp in den Niederlanden, Batawa in Kanada, Bataville in Lothringen, Batanagar in Indien.

In der Zentrale, in Zlín, legte Vladimír Karfík Hand an. Bat'as tschechischer Chefplaner hatte mit Frank Lloyd Wright und Le Corbusier zusammengearbeitet. Karfíks Meisterstück: das Verwaltungsgebäude, ebenjenes Haus 21, 77 Meter hoch, seinerzeit, 1939, das höchste und modernste Gebäude Mitteleuropas. Vor ein paar Jahren wurde es restauriert.

Heute sind Teile der Stadt- und Kreisverwaltung darin untergebracht. Ein hölzerner Paternoster dreht gemütlich seine Runden. Ein Expresslift hält auf Höhe der Dachterrasse. Hier wartet Karel Havlis, lange Jahre oberster Stadtplaner von Zlín, nun Dozent an der Architekturfakultät der Universität Brünn.

Einmaliger Rundblick

Der Rundblick ist einmalig: Im Talgrund das alte Zentrum und das neue, die Fabrik. Das alte Zentrum, mit Kirche, Rathaus, bescheidenem Marktplatz, legt Zeugnis ab vom Zlín vor dem Bat'a-Boom. Die deutende Hand von Havlis wandert weiter - zur Siedlung gleich unterhalb der bewaldeten Hügel. Arbeiterhäuschen in langen, sanft geschwungenen Reihen, backsteinfarbene Würfel, alle einzeln stehend mit Gärtchen: "Letná, das älteste Einfamilienhausviertel, aus dem Jahr 1922", sagt Havlis. "Die kalte Luft aus dem Wald ist wie eine kleine Spülmaschine, optimal für die Gesundheit der Bewohner und das Mikroklima."

Letná ist eines von fünf Wohnvierteln, die Bata für seine Arbeiter bauen ließ. 1922 waren es 2440 "Batamänner", wie man sie nannte, neun Jahre später 20.000. "Die Fabriksirene pfeift, es ist 12 Uhr mittags. Das breite Gittertor des Werkes wird geöffnet, aus dutzenden drei- bis zehnstöckigen Fabrikgebäuden strömen tausend und abertausend Männer und Frauen. Sie haben eine fünfstündige Arbeitszeit hinter sich, nun folgen zwei Stunden Ruhepause und dann weitere vier Stunden Arbeit. (..) Es sind größtenteils junge, sehr junge Leute, die das Werk verlassen. Keine Spur der Ermüdung auf ihren Gesichtern." So liest sich das im Reprint aus dem Jahre 1932, Tomás Bat'a. Ein Schuster erobert die Welt von Eugen Erdély (Verlag Interna, Bonn).

Was ist aus diesen Dutzenden Fabrikgebäuden zur Herstellung eines immer breiteren Sortiments an Damen- und Herrenschuhen geworden? Was aus den Sozialstationen, Kantinen, Krankenhäusern, Kraftwerken, Lagerhäusern, die alle parallel zum Flüsschen Døevnice angeordnet sind? Mit ihren Bändern aus Glas und lachsfarbenem Backstein. Aus luftiger Höhe wirken all diese von Bat'a durchnummerierten Werkhallen tatsächlich wie aus einem Guss.

Neues Gründerzentrum

Exstadtplaner Havlis ist ein wenig missmutig beim Rundgang im Fabrikgelände. Was ihm fehlt, ist ein einheitliches Nutzungskonzept und ein städtebaulicher Bezug zwischen dem riesigen Fabrikareal und dem alten Ortskern. Eine mit EU-Hilfe frisch restaurierte Werkhalle ist zum Gründerzentrum avanciert. 90 Prozent der Werkhallen sind mittlerweile nicht mehr im Besitz des Unternehmens Bat'a, teilt die Stadtverwaltung mit. Im Erdgeschoß ein einladendes Kaffeehaus, schicke Konferenzräume. Prospekte werben für den Standort Zlín - nur auf Tschechisch. Nebenan hat sich ein Ableger der Tomás-Bat'a-Universität angesiedelt.

Und tatsächlich werden auch noch Schuhe hergestellt, in bescheidenem Maßstab: Die Firma Moleda hat sich auf Reitstiefel für den Export spezialisiert, das Unternehmen Upman verwertet sein Know-how bei der Herstellung von Goretex-Schuhwerk.

Havlis steuert seinen Wagen nach Letná hinauf, der ersten Arbeitersiedlung. Letná sollte die Annehmlichkeiten einer Stadt und die Vorzüge des Landes haben, schrieb Erdély 1932. Ruhige Wohnstraßen statt Mietskasernen, im Garten sprießen Blumen und Gemüse, der Abstand zwischen den Häusern ist zu klein, als dass spätere Stadtplaner realsozialistische Plattenbauten dazwischensetzen konnten, merkt Havlis lächelnd an. Die Arbeiterhäuser sind noch heute begehrt.

Skurriler Tod

Havlis fährt zurück ins neue Zentrum. In einem Park fällt ein Standbild Tomás Bat'as ins Auge. Nur 1876-1932 steht unter dem Namen. Am 12. Juli 1932, eines nebligen Morgens, starben Bat'a und sein Pilot im Flugzeug, das am Schornstein der eigenen Fabrik zerschellte. Ein skurriler Tod, der auf vertrackte Weise zu dem Großauftrag passt, der Tomás Bat'a endgültig zum "Schuhkönig" gemacht hatte. Der Auftrag kam vom Kaiser aus Wien: Die Soldaten der k. u. k. Armee marschierten in Stiefeln aus dem Hause Bat'a in den Ersten Weltkrieg. (Alexander Musik, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 17.8.2010)

  • Ein ehemaliges Lagerhaus der Schuhfabrik, errichtet nach dem architektonischen Grundschema ...
    foto: musik

    Ein ehemaliges Lagerhaus der Schuhfabrik, errichtet nach dem architektonischen Grundschema ...

  • ... das sich auch in den Häusern der Arbeiter wiederfindet, für die Tomás Bat'a mehrere Siedlungen bauen ließ ...
    foto: musik

    ... das sich auch in den Häusern der Arbeiter wiederfindet, für die Tomás Bat'a mehrere Siedlungen bauen ließ ...

  • ... als deren erste Letná im Jahr 1922 entstand, unterhalb der bewaldeten Hügel, die Zlín einrahmen.
    foto: musik

    ... als deren erste Letná im Jahr 1922 entstand, unterhalb der bewaldeten Hügel, die Zlín einrahmen.

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